Hilfszügel – nein danke

Longieren am Kappzaum im Galopp ohne Hilfszügel
„Der braucht Ausbinder!“ Foto: Isabel Tomczyk Photography

Die Pferdewelt ist voller Dogmen, jener Glaubenssätze, die abhängig von Ausbildungsmethoden und Disziplinen in Stein gegossen sind und ständig wiederholt werden:

  • Fäuste aufrecht! Hände über den Widerrist! 
  • Der Kopf muss runter! 
  • Ein Pferd muss mit zwei (drei) Jahren eingeritten werden, sonst wird es zu stark! 

Manche dieser Dogmen sind schlicht Unsinn. Und bei anderen können Ausnahmen sinnvoll sein, wenn es das Pferd erfordert: Wir sollten unser Vorgehen ans Pferd anpassen, nicht das Pferd passend machen an unsere Vorstellungen.

Es gibt aber in der Tat ein Dogma, an dem ich selbst aus Überzeugung festhalte: Hände weg von Hilfszügeln.

Hilfszügel: Warum bloß?

Ausbinder und Dreieckszügel, Schlaufzügel und Martingal, Gogue und Chambon: Hilfszügel fürs Longieren oder Reiten fixieren das Pferd in einer mehr oder weniger starren Kopf-Halsposition oder verhindern, dass es mit Kopf und Hals zu hoch, zu tief oder zu seitlich kommt. Es gibt sie in verschiedensten Varianten, manche sogar mit Flaschenzug-Wirkung.

Einige der offiziellen Gründe, warum man sie einsetzt:

  • Das Pferd entzieht sich dem Gebiss und hebelt sich raus
  • Das Pferd schlägt mit dem Kopf oder verwirft sich im Genick
  • Das Pferd streckt den Kopf weg, drückt den Rücken weg und läuft im Hohlkreuz
  • Man will dem Pferd den Weg nach vorwärts-abwärts zeigen und damit ein gesünderes Laufen
  • Es soll lernen sich am Gebiss abzustoßen
  • Es ist so besser zu kontrollieren und Sicherheit herzustellen
  • Um verrittene Pferde zu korrigieren

Hilfszügel, die besser Hilfloszügel heißen sollten, lösen also jedes Problem mechanisch durch ein Mehr an Verschnallung und die Begrenzung bzw. Verhinderung der unerwünschten Bewegung. Sie bringen das Pferd in eine hilflose Situation und setzen voll am Symptom an, aber nicht an der Ursache.

Abhängig vom Modell kann sich das Pferd nicht nur nicht entziehen. Manche Verschnallungen wirken als Kraftverstärker für den Menschen. Es befähigt ihn, mechanisch so viel Druck aufzubauen, dass das Pferd keine Wahl hat. Wenn ich so viel Druck machen muss, kann etwas nicht stimmen – entweder hat das Pferd körperliche Probleme oder es schafft es mental oder emotional nicht, unseren Wünschen nachzukommen. Sie dann mit Gewalt durchzusetzen, ist für mich eine Form der Tierquälerei. 

Inoffizielle Gründe, warum Hilfszügel genutzt werden:

  • Weil man das schon immer so gemacht hat
  • Weil es die anderen auch so machen
  • Weil man sein Pferd damit endlich kontrollieren kann
  • Weil man zu bequem ist, eine andere Lösung zu finden
  • Weil man es nicht besser weiß
  • Weil man ohne Ablongieren sich nichts aufs Pferd traut


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Der Denkfehler bei Hilfszügeln

Dem Einsatz von Hilfszügeln liegt ein Denkfehler zugrunde, sie zäumen das Pferd sprichwörtlich von hinten auf: Denn Kopf- und Halshaltung ergeben sich automatisch aus den richtigen Bewegungsabläufen, wenn das Pferd aktiv mit der Hinterhand untertritt, den Rücken hebt, die Schulter frei macht und balanciert läuft. Das erreicht man nicht, indem man Kopf- und Hals in die gewünschte Endposition schnallt und hofft, dass sich der Rest dann schon einstellen wird.

Das trifft auch für den mentalen und emotionalen Zustand zu: Kein Pferd empfindet Lust daran, mit erhobenem Kopf und durchgedrückten Rücken zu laufen. Es verspürt die Notwendigkeit es zu tun, vielleicht,

  • weil es nicht entspannt ist,
  • weil der Zirkel zu eng ist und es die Balance nicht halten kann,
  • seine Herde vermisst,
  • den Weg am Roundpen im Auge behalten will oder
  • eine bessere Art der Bewegung schlicht nicht gelernt hat.

Nur, weil wir den Kopf runterbinden, wird das Pferd deswegen nicht automatisch entspannen, loslassen und vertrauen.

Hast du schonmal Freiarbeit mit deinem Pferd gemacht? Vielleicht ist dir aufgefallen, dass sich der Ausdruck des Pferdes und die Qualität seiner Bewegungen verändern, wenn es frei ist. Die Form des Körpers folgt dem Zustand des Geistes. Ohne entspannten Geist, kein entspannter Körper.

Selbst, wenn man mit Hilfszügeln Erfolge erzielt hat, weil das Pferd besonders brav oder der Mensch besonders geschickt ist – die Energie, die man hier reingesteckt hat, ist an anderer Stelle besser investiert. Hilfszügel reinzuschnallen macht uns nicht zu besseren Pferdemenschen, sondern abhängig von eben jenen.

Handarbeit am Kappzaum im Winter
Handarbeit mit Kappzaum*. Mehr zu unserer Ausrüstung findest du hier. Foto: Isabel Tomczyk Photography

Kommunikation statt mechanische Fixierung

Wenn unser Pferd beim Longieren oder Reiten in einer ungesunden Art und Weise läuft, sollten wir das nicht einfach abstellen wollen, sondern vielmehr als wichtige Information bewerten: Mit seiner Körper- und Kopfhaltung kommuniziert uns das Pferd seine Bedürfnisse – und auch seine Probleme. Die will ich wissen und auf sie will ich mich einstellen.

Dazu kommt eine gewisse Vermessenheit, wenn wir glauben, unserem Pferd seine Körperposition mechanisch vorschreiben zu können: Nicht wir stecken in seinem Körper, sondern das Pferd. Es braucht die Freiheit, auszuprobieren und eine passende Position selbst finden zu können – und wenn es der Meinung ist, dass es sich jetzt gerne strecken will, dann sollte es das tun können und nicht durch Hilfszügel pauschal daran gehindert werden.

Mit Hilfszügeln verbauen wir uns die Kommunikation auch insofern, als das wir gar nicht wirklich sehen können, welche Reaktionen unsere Hilfen bzw. Einwirkung jetzt im Pferd auslösen, da ein Teil der möglichen Antworten schlicht verhindert werden.

Gern sieht man auch, dass versucht wird, die gewünschte Innenstellung beim Longieren herbeizuführen, indem man den inneren Dreieckszügel etwas kürzer verschnallt. Wieder ein rein mechanischer Ansatz. Man könnte dem Pferd auch einfach beibringen, wie es Kopf und Hals in der Bewegung halten soll.


Damit Longieren kein Zentrifugieren wird, sollte es im Dialog und mit Abwechslung erfolgen. Nichts ist fader für Mensch und Pferd, als stundenlang im Kreis zu schleudern. Dazu gehören verschiedene Zirkelgrößen, Hufschlagfiguren, Tempowechsel, aber auch verschiedene Hals-Kopf-Positionen und ein Öffnen und Schließen des Genicks. Auch braucht das Pferd die Möglichkeit, sich nach einem Mehr an Anstrengung und Versammlung wieder zu strecken – und das gern auch in kurzen Intervallen schnell hintereinander. Auch das wird mit Hilfszügeln verhindert, so viel schnallt kein normaler Mensch um.

Hilfszügel: Warum sie nicht helfen, sondern schaden

Hilfszügel sind hochproblematisch, aus mehreren Gründen.

  • Nur, weil sie eingeschnallt sind, heißt das noch lange nicht, dass das Pferd auch tatsächlich die richtigen Muskeln einsetzt. So kann es passieren, dass wir mit Hilfszügeln jene Partien wie den Unterhals stärken, die wir eigentlich abbauen wollten.
  • Wir das Pferd in einer festgezurrten Position in sinnfreien Zirkeln zentrifugiert, lernt es, sich mental an einen anderen Ort herauszuzoomen. Es findet keine Kommunikation mehr statt.
  • Hilfszügel fürs Longieren nehmen dem Pferd damit die Möglichkeit, eigenständig auszuprobieren und zu lernen. Es wird einfach fixiert und muss sich fügen. Was macht das wohl mit dem Wunsch des Pferdes, mitzudenken und mit seinem Selbstvertrauen, in der Lage zu sein, Lösungen zu finden?
  • Dazu kommt, dass beim Longieren das gewünschte „Einrahmen“ mit der Peitsche zu einem Dreieck fürs Pferd bedeutet, dass es während der Session keine Möglichkeit hat, den Druck der verfolgenden Peitsche wieder loszuwerden. Dauertreiben stumpft ab.
  • Hilfszügel nehmen dem Pferd die Möglichkeit sich über eine Veränderung der Halsposition auszubalancieren. Wie fühlt man sich, wenn man seinen Körper nicht mehr eigenständig einsetzen kann?
  • Hilfszügel beim Longieren geben dem Pferd keine Release: Wenn es etwas richtig gemacht hat, erfolgt nicht das Nachgeben von Druck als Bestätigung. Stattdessen bleibt der Druck einfach gleich. Was macht das wohl mit seinem Verständnis, seiner Motivation und Willigkeit?

Das Pferd ist ein Fluchttier: Es braucht seine Sinne, um sich sicher zu fühlen. Ich finde es pervers, einem Fluchttier den Kopf herunterzubinden und ihm damit die Möglichkeit zu nehmen, die Umgebung zu scannen, wenn es das muss. Hinzu kommt, dass das Pferd mit seinen seitlich am Kopf sitzenden Augen ein anderes Blickfeld hat, als wir: Es sieht fast 180 Grad entlang der Seiten und kann durch ein Drehen des Kopfes sein Blickfeld sofort erweitern. Direkt vor seiner Nase ist ein blinder Fleck. Binden wir den Kopf nach unten und verhindern wir damit, dass das Pferd den Kopf drehen und heben kann, lassen wir es buchstäblich im Dunklen tappen.

Die Gefährlichkeit von Hilfszügeln wird gern unterschlagen

Was in der Regel nicht kommuniziert wird, ist das Verletzungsrisiko von Hilfszügeln: Kennst du eine Horrorstory von einem hässlichen Unfall mit Hilfszügeln? Ich schon. Das Pferd scheute, stieg, konnte sich nicht richtig ausbalancieren, kippte hinten über und fiel auf die Reiterin, der es zum Glück gelungen war, etwas wegzurobben, so dass sie sich „nur“ die Hüfte brach, als das Pferd auf sie knallte.

Mein Quarter Horse, die PN, lief anfangs am Seil wie eine Giraffe: Kopf und Hals hoch und nach außen verdreht, im Hohlkreuz, die innere Schulter nach innen gedrückt und ständig fiel er in den Kreuzgalopp. Die fehlende Balance machte er mit einem Mehr an Geschwindigkeit wett, was ihm dann noch mehr Gleichgewicht kostete und in regelmäßigem massivem Bocken mit Raketenstarts und spektakulären Sprüngen endete. Gerade bei Pferden, die sich noch nicht balanciert auf dem Kreisbogen bewegen können und die zusätzlich einen hohen Selbsterhaltungstrieb besitzen, schnell skeptisch werden und dann mit erhobenem Kopf alarmiert ihr Umfeld sondieren, kann die Versuchung groß sein, Hilfszügel einzusetzen, „damit der endlich mal ordentlich läuft“. 

Hätte ich der PN Hilfszügel reingeschnallt, „um ihm den Weg nach unten zu zeigen“, wäre er mir im Best Case hingefallen und im Worst Case hinten übergekippt: Wenn das Pferd die Grenzen der mechanischen Verschnallung spürt, die diese ihm setzt, dagegen geht, sich wehrt, Angst bekommt oder sogar Panik – dann können wir ihm nicht helfen, weil wir wahrscheinlich gar nicht mehr gefahrlos in seine Nähe kommen, um die Schnallen schnell zu lösen: Dann sind Unfälle programmiert.

Ohne Hilfszügel zur guten Bewegungsqualität

Longieren am Kappzaum im Trab ohne Hilfszügel
An der Longe am Kappzaum* und im Dialog. Foto: Isabel Tomczyk Photography

Mit einer Übung aus dem Horsemanship kannst du eine gute Bewegungsqualität an der Longe super vorbereiten: Hinterhand verschieben – mit offener Schulter.

Ein Hauptproblem beim Longieren liegt darin, dass das Pferd auf die innere Schulter fällt und nach außen schaut. Über das Hinten übertreten lassen kannst du deinem Pferd beibringen, die Hinterhand zu bewegen, den Kopf bei dir zu lassen und gleichzeitig die Schulter aufzumachen. Dann hast du ihm den Bewegungsablauf erklärt, den du auch an der Longe willst – statt dem seitlichen Übertreten findet der dann mit gerade fußenden Hinterbeinen auf einem größeren Bogen statt.

Die PN läuft jetzt übrigens gelassen und entspannt in allen drei Gangarten an der Longe. Ich kann Kopf- und Halsposition verändern, Tempo, Hinterhandaktivität, Vorwärts-Abwärts oder etwas mehr Aufrichtung. Das dauert seine Zeit, aber der Lohn ist ein mitdenkendes Pferd im aktiven Dialog mit kräftigem Körper und gesundem Geist.

Fazit

Hilfszügel – egal ob beim Reiten oder Longieren – helfen nicht. Weder dem Menschen, noch dem Pferd. Der Mensch verlässt sich auf eine mechanische Verschnallung statt zu lernen, worauf es ankommt. Dem Pferd werden Wahrnehmung und Balance geraubt, und das, was wir erreichen wollen – gesunde Bewegungsabläufe und einen klaren Kopf -, lernt es trotzdem nicht. Deswegen: Wer glaubt, Hilfszügel zu brauchen, sollte statt Symptome zu bekämpfen auf Ursachenforschung gehen.

Longieren am Kappzaum - Grund zum Lachen
Mit dem Training am Kappzaum* statt mit Hilfszügeln haben Mensch und Pferd etwas zu lachen. Foto: Isabel Tomczyk Photography
Pferde verstehen
Longieren war hier schon einmal Thema: In dem Beitrag geht’s um Entspannung, hier geht’s um korrekte Hilfen.
Das sagt Buck Brannaman zu Hilfszügeln
Hier schreibt Christina über die Wirkung von Hilfszügeln

Für alle, die es etwas weniger horsemanshippig mögen:

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