Nase runter! Hals biegen!

Die Aufmerksamkeit des Pferdes bekommen

Entspannung beim Menschen finden. Foto: Isabel Tomczyk Photography

 

Kopf oben wie eine Giraffe, Augen immer nach außen über den Zaun in die Ferne, Unterhals herausgedrückt, schwer auf die Schultern fallen, dabei schön tief im Hohlkreuz und dazu mit der Hinterhand schieben, was das Zeug hält.

Das beschreibt meine ersten Eindrücke von Sams Laufmanier. Der Herr ist zwar sicher auf den Beinen und schafft Kurven in einem Tempo und einer Schräglage, die mir physikalisch (Schwerkraft? Fliehkraft?) Rätsel ausgeben. Aber gesundes beziehungsweise gesunderhaltendes Laufen und das dazu auf Kreisen gehören nicht zu seinen Fähigkeiten.

Kommen dann noch Stangen oder Gassen ins Spiel, kann das Mikado beginnen. Oder das geschmeidige Umrunden. Weil wieso drüber laufen, wenn auch ein Weg daran vorbei führt?

Mein Pferd muss lernen, besser zu laufen und sich in gesünderen Bewegungsmustern fortzubewegen! Der Hals muss tiefer, die Nase muss nach innen, die Hinterbeine müssen unter den Körper und der Zirkel sollte auch noch rund ausfallen.

Dehnungshaltung, das wär’s….Foto: Isabel Tomczyk Photography

Die Herausforderung für mich dabei: Longieren im klassisch-korrekten Sinne langweilt mich zu Tode. Und dabei meine ich nicht sinnloses Zentrifugieren, am besten noch in schönster Verschnallung mit Ausbindern. Sondern schlicht das schrittweise Erarbeiten der korrekten Form auf dem Zirkel.

Unser Weg zu einer besseren Form an der Longe (dem Seil) und auf dem Zirkel auch im Freilauf beinhaltet ein Maximum an Vielseitigkeit. In diesem und den folgenden Artikeln kommen Ansätze für eine bessere Balance, mental, emotional und körperlich, und damit gesünderes Bewegen.

Der erste ist die Entspannung.

Entspannung ist die Voraussetzung für gesundes Bewegen

Der Körper ist immer der Spiegel des Geistes. Ein angespanntes Pferd wird den Hals nicht fallen lassen.

Deswegen bin ich kein Verfechter von Kopftief-Übungen, die nicht den Geist, sondern nur den Körper des Pferdes formen und Angst im Worst Case einfach nur überlagern. Ich habe zu viele Pferde im „Shut down“-Modus mit der Nase im Sand gesehen: Kopf tief, mental abgeschaltet.

Reale Entspannung ist die Voraussetzung für gesundes Bewegen. Und wie entspannt man sein Pferd? Tom Dorrance, Vater des Horsemanship*, würde wahrscheinlich sagen: „it depends“, also „es kommt darauf an.“

Die Aufmerksamkeit des Pferdes bekommen

Typisch Sam: Wer weiß, was in der Ferne lauert. Foto: Wilfried

Kurz gefasst:

  • Grundkommunikation etablieren
  • verlässlich sein
  • in der Lage sein, die Beine des Pferdes zu bewegen und vor allem
  • seine Aufmerksamkeit zu bekommen.

Pferde, die glotzen, sich ablenken lassen, den Horizont sondieren (und ja, Sam ist genau so eines), sind nicht im Hier und Jetzt mit ihrem Menschen, sondern mit anderen Gedanken und ihrer Sicherheit beschäftigt. Gelingt es uns, sie mental zu uns zurückzuholen, nehmen sie uns wahr und kommen in den Moment mit uns. Hier finden sie Entspannung. Wie beim Meditieren, wenn wir versuchen, Gedankenströme und Reize ziehen zu lassen und uns auf uns und das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Die Aufmerksamkeit des Pferdes bekommen

Wie bekomme ich nun die Aufmerksamkeit meines Pferdes? Das kommt darauf an, wen du fragst.

  • Manche Trainer werden dir raten, das Pferd sofort zu scheuchen und zu bewegen und ordentlich Hektik zu machen. So kannst du ihm einen Grund geben, besser aufzupassen, was du denn von ihm willst. Plus, es lernt die Pause nach deinem Aktivitäts-Ausbruch zu schätzen. Problematisch hierbei: Das Pferd hat schon Stress, auch ohne, dass wir zusätzlich ordentlich Party veranstalten. Ist unser Timing noch dazu schlecht, lernt das Pferd nur, dass es bei uns richtig ätzend ist und es sich besser nach einem anderen, sichereren Ort umschaut.
  • Andere Trainer werden die Hinterhand des Pferdes wegschicken wollen, um die Vorhand und damit den Kopf des Pferdes wieder auf den Menschen auszurichten und somit Aufmerksamkeit zu erhalten. Das Problem: Es bedarf nicht zu vieler Wiederholungen und schon erledigt das Pferd das Weichen der Hinterhand auf Autopilot. Sprich: Wir bekommen zwar den körperlichen Gehorsam, aber im Kopf ist das Pferd immer noch weit weg (es mag sich wieder auf uns ausgerichtet haben, glotzt dann aber eben über unsren Kopf oder die Schulter hinweg oder dreht sich entsprechend gleich wieder weg).
  • Wieder andere stellen sich dazu und machen gar nichts. Sie warten, bis das Pferd von sich aus zurückkehrt. Das Problem dabei: Wir lassen das Pferd allein mit seinen Sorgen und warten darauf, dass es die Lösung völlig ohne Hilfestellung findet. Manche Pferde können sich an einem Reiz regelrecht „fest glotzen“. Da wartet man dann im Worst Case übermorgen noch – vor allem, wenn die Beziehung schon nicht stimmt.

Ein Video von Ross Jacobs zum Thema „When a horse feels worried – what to do“ findest du hier. Ross empfiehlt zum Beispiel, so „groß“ zu werden, dass das Pferd den Menschen nicht länger ignorieren kann.

Die Aufmerksamkeit des Pferdes bekommen

Chillen auf höherem Niveau. Der Mensch soll zur Entspannungsquelle fürs Pferd werden. Foto: Isabel Tomczyk Photography

Entspannung finden mit verschiedenen Ansätzen

Und wie machen wir das? Wie finden wir Entspannung? Wir mischen Methoden und Ansätze : )

Eine Schülerin sagt in der 7 Clinics DVD von Buck Brannaman sinngemäß:

„Wir können unsere Pferde anziehen oder abstoßen mit dem, was wir in unserem Herzen tragen“.

Ich ertappe mich oft dabei, dass meine Geduld für mein eigenes Pferd viel geringer ausfällt als für Kundenpferde. Ich kann mich hysterisch über klitzekleinste Fortschritte bei Kunden freuen. Bei Sam denke ich eher: „das wurde ja auch mal Zeit.“ Gerade seine Glotzerei reizt und nervt mich (klar, weiß ich, dass sie das nicht sollte). So. Dumm nur, dass eine aggressive Einstellung oder eine Grundgenervtheit beide nicht dazu beitragen, dass sich unser Pferd uns schutzsuchend zum Entspannen zuwendet. Bei Sam geht das soweit, dass die Stärke seines Glotzens und seiner Ablenkung in Relation stehen zu meiner Einstellung. Aus dem Glotzen wird dann ganz schnell ein Ausblenden von mir. Je härter ich Aufmerksamkeit einfordere, desto renitenter glotzt er in eine andere Richtung.

 


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Wie ich das löse? In einem Video erzählt der australische Pferdetrainer Mark Langley von folgendem Bild: Er stellt sich vor ein großer Baum zu sein, tief verwurzelt mit breitem Geäst und hoher Krone, die schön viel Schatten spendet. „Ich bin für dich da“, sagt er in Gedanken zum Pferd und bietet ihm einfach einen ruhigen, schattigen Ort an. Genau darum bemühe ich mich. Warten und dabei eine freundliche Einstellung ausstrahlen.Wenn Sam nun so abgelenkt ist, dass er zunächst festfriert und sich dann schleunigst bewegen muss, schicke ich ihn auf den Zirkel raus beziehungsweise von mir weg. Ein abspackendes Pferd möchte ich nicht auf dem Schoß sitzen oder auf den Zehen stehen haben. Ganz wichtig: Ich hindere ihn nicht daran, seine Füße zu bewegen! Je nach Stresslevel lasse ich ihn etwas laufen und fange dann an, der Energie eine Richtung zu geben. Etwa, indem ich die Hinterhand herausschiebe oder Richtungswechsel mache oder ein seitliches Übertreten auf dem Kreis frage. Ich versuche, ihm keinen Extrastress zu machen, indem ich die Hilfen besonders schnell oder hart gebe, lege aber Wert auf einen zügigen Gehorsam.

Wenn er abgelenkt, aber nicht alarmiert ist, checke ich, wie viel es braucht, bis ein Ohr wieder zu mir zurückkommt (dem Ohr folgt dann schnell der Rest des Pferdes und damit die volle Aufmerksamkeit). Das kann ein Schritt zur Seite sein, das Heben der Peitsche oder aber das Klatschen der Peitsche auf den Boden. Wenn ich ein paar Schritte weggehe, bekomme ich seine Aufmerksamkeit immer wieder.

Bei milder Ablenkung warte ich. Ich stehe rum, spiele Baum, denke nette Gedanken und zack, schon ist er wieder bei mir.

Die Signale für die Entspannung laufen immer gleich: Er glotzt, dann fängt das Maul an zu zucken und die Augen werden weicher, die Ohren mobiler. Dann schüttelt er den Kopf oder auch den Hals, fängt an zu kauen, schnaubt manchmal, dreht sich zu mir, dackelt mit tiefem Kopf zu mir rüber und würde sehr gern auf meinen Fußspitzen anhalten.

Das bloße Stehen bei mir stellte ihn anfangs vor große Schwierigkeiten. Nach wenigen Augenblicken hatte schon wieder etwas seine Aufmerksamkeit erregt, er lief los oder fing an zu scharren (wohl im Bewusstsein, dass ich erwartete, dass er stehenblieb, es ihm aber nicht leicht fiel). Diese Ungeduld und Unruhe werden weniger. Er schafft es länger stehen zu bleiben und damit auch länger im Moment zu verweilen. Auch die „Härte“ seiner Ablenkung verändert sich. Wo er früher meist voller Anspannung etwas in der Ferne fixierte, fällt sein Sondieren heute gemächlicher aus. Ja, er nimmt etwas draußen wahr, aber es spannt nicht mehr jede Faser seines Körpers an.

Ross Jacobs spricht von „hard und von soft thoughts“. Das Video zeigt sehr eindrücklich den Verlauf von Erschrecken zu Entspannen.

Fazit

Bevor ich über gesundes Bewegen auf dem Zirkel nachdenke, brauche ich Entspannung. Voraussetzung für Entspannung sind gute Kommunikation und die Fähigkeit, die Füße des Pferdes zu bewegen beziehungsweise seine Bewegungsenergie steuern zu können.

Dazu kommt, seine Aufmerksamkeit zu bekommen und idealerweise auch halten zu können. Die zentralen Fragen lauten dabei: Wie viel musst du machen, wie schnell kommt die Aufmerksamkeit und wie lange bleibt sie?

Wenn du einen systematischen Zugang zur Entspannung suchst, ist vielleicht das Fokus-Work von Warwick Schiller etwas für dich. Warwick hat ein Video-Abo, das viele Clips zum Thema Fokus enthält. Die erste Woche kannst du für umme reinschauen.

Geplant war ein langer Post zur besseren Laufmanier. Da allein der erste Punkt schon so viel Raum beansprucht hat, werden es mehrere Teile. Im nächsten geht es weiter mit der Körpersprache und den Hilfen.

Die Aufmerksamkeit des Pferdes bekommen

 

 

 

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Christina von Herzenspferd.de gibt hier Tipps, wie Longieren gelingen kann.

Noch mehr zum Thema samt Interview gibt’s hier auf der Pferdeflüsterei.

Der Longenkurs von Babette Teschen  beschreibt einen systematischen Weg zu einer besseren Laufmanier auf dem Kreis.

 

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