Horsemanship – quo vadis?

Horsemanship

„Fiat lux – es werde Licht“.

Bis vor einigen Wochen gab es in der Art und Weise, wie ich Horsemanship interpretiert und ausgeübt habe, klare Prinzipien, die für mich in Stein gemeißelt waren und nicht zur Diskussion standen.

Darunter zum Beispiel:

  • „fix it up and wait“ (bereite es vor und warte)
  • „don’t make your horse do something, allow him to do it“ (zwinge dein Pferd nicht dazu, etwas zu tun, erlaube es ihm)
  • „reward the smallest try“ (belohne den kleinsten Versuch)
  • „never, ever pull back on the reins“ (ziehe niemals an den Zügeln zurück“)

Ich hatte über Warwick Schiller ein paar neue Trainingsansätze kennengelernt, die ich psychologisch sinnvoll und höchst effektiv fand.

Zum Beispiel:

  • Gate Addiction: Wenn dein Pferd einen Magnetismus zum Tor entwickelt, dann verhindere nicht, dass es dort hingeht. Im Gegenteil. Lass es gehen und dann arbeite es am Tor, so dass das Tor vom sweet spot zu einem eher arbeitsreichen Ort wird. Damit neutralisierst du das Tor: Das Pferd wird nicht mehr zum Tor hin ziehen und problemlos von ihm weggehen.
  • Arbeite mit der Erwartung (=anticipation) des Pferdes: Wenn dein Pferd beim Trab – Halt – Übergang auf die Vorhand fällt, dann schicke es aus dieser Position mit Schwung nach vorn. Mit dem Gewicht auf der Vorhand wird das dem Pferd sehr schwer fallen. Wiederhole das einige Male. Das Pferd wird bald erwarten, dass es aus dem Halten gleich wieder voran geht und sich deswegen mit dem Gewicht auf der Hinterhand selbstständig dafür bereit machen. Ziel erreicht.

Mich spricht diese indirekte Herangehensweise einfach an, weil man dadurch das Pferd nicht mit seinen Hilfen ständig micromanagt, sondern es mitdenken und eigenständig Entscheidungen treffen lässt.

Ich war mit mir im Reinen, in meinen Ansichten und Herangehensweisen klar und wollte Schritt für Schritt Bewegungsmuster vom Projektwallach verbessern, ihn feiner an die Hilfen bekommen, und und und – was man als Reiter eben so macht.


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So. Dann habe ich Ross Jacobs aus Australien zum Interview gebeten und daraus entwickelte sich ein Email-Austausch (also, ich habe ihn ständig mit Fragen gelöchert und er hat sich geduldigst die Zeit genommen und immer wieder geantwortet). Schließlich kam die Sprache auch darauf, woran Pferd und ich gerade arbeiten und damit waren wir mitten drin im Fern-Coaching von einem Ende der Erde zum anderen (Internet ist schon erstaunlich, nicht wahr).

Und jetzt habe ich ein Problem: Ich sitze allein im fernen Deutschland und bin ratlos, wie es weiter gehen soll.

Auf dem Weg zur Insel

Stell dir vor, du träumst schon immer von dieser einen wunderbaren Insel, wo bei knapp 30 Grad die Sonne immer scheint, das Wasser türkisblau plätschert und die Strände sich menschenleer bis zum Horizont erstrecken. Du weißt, dass es sie gibt, und du suchst sie schon seit Langem, aber irgendwie ist es dir noch nicht recht gelungen, den Weg dorthin zu finden.

Jetzt triffst du zufällig einen alten Kerl mit einer Karte. Und diese Karte zeigt dir den Weg zur Insel. Erst bist du begeistert, aber dann stellst du fest, dass die Schriftzeichen nicht so eindeutig zu entziffern sind. Und der alte Kerl gibt sich zwar redlich Mühe, aber du verstehst nur Teile von dem, was er versucht dir zu erklären. Tja. Du bist natürlich nicht die Einzige, die sich für die Karte interessiert, und irgendwann reist der alte Kerl weiter.

Du machst dich auf den Weg zur Insel, immerhin hast du jetzt eine ungefähre Vorstellung wo sie liegt und wie du sie erreichen kannst. Doch nach einigen Wochen stellst du fest, dass du immer wieder im Kreis fährst. Dass du die Orientierung verloren hast und dass dich blindes Suchen nicht weiterbringt.

Genau da bin ich. An jenem Ort, wo du weißt, dass da draußen und gar nicht so weit weg ein besserer Deal für das Pferd wartet – aber allein kann ich ihn nicht finden. Der alte Kerl hat mir zwischenzeitlich zwar noch eine Postkarte geschickt, in der Hoffnung, dass diese mir Klarheit verschafft. Ich sehe tatsächlich etwas klarer, aber nicht klar genug.

Horsemanship: Gedanken verändern vs. Füße bewegen

Ross‘ Methode ist nicht deckungsgleich mit traditionellem Horsemanship. Er setzt an den Gedanken des Pferdes an. Ihm geht es immer darum, den Gedanken zu verändern und nicht einfach die Füße zu bewegen. In der Theorie ist das sehr logisch. In der Praxis dagegen stellt es uns vor Herausforderungen. Denn ein Pferd kann seine Füße bewegen, ohne dass es im Kopf dabei ist. Es gilt also nicht, eine Bewegung zu belohnen, sondern zu beurteilen, ob diese vom richtigen Gedanken begleitet war. Darüber gibt die Qualität der Bewegung Auskunft.

Wenn du zum Beispiel nach einem Rückwärts fragst, und das Pferd schlurft ein paar Schritte nach hinten, dann hast du zwar ein körperliches Rückwärts, aber das Pferd denkt dabei weiterhin nach vorne. Geht das Pferd stattdessen in klarem Zweitakt rückwärts und macht dabei große Schritte mit den Hinterbeinen und reagiert insgesamt mit Leichtigkeit, dann weißt du, dass auch die Gedanken des Pferdes integriert sind.

Das war auch mein Problem bei unseren Übergängen. Paledo hielt zwar an – aber seine Gedanken kamen nicht zu mir zurück, und deswegen bremste er vorhandlastig. Statt zu warten, dass er auf die angenommenen Zügel reagiert („fix it up and wait“), hat Ross mich aufgefordert, mehr Zug auf die Zügel zu geben (ich reite mit Knotenhalfter), bis er reagiert. Und zwar nicht ein bisschen („reward the slightest try“), sondern so viel wie eben nötig: Einen großen Schritt mit der Hinterhand sollte es sein. Also nichts mit „never, ever pull back on the reins“ und auch nichts mit „don’t make him do it, allow him to do it“.

Paledos Bewegungen haben sich tatsächlich deutlich verbessert – auch in Bereichen, die ich gar nicht adressiert habe. Er reagiert feiner auf die Zügel und auch besser auf den Schenkel. Aber das alles geht zu Lasten der Entspannung. Die findet er nicht mehr automatisch und leicht wie früher.

Wie viel Neues ist gesund? Der beste Deal fürs Pferd

HorsemanshipMeine ständigen Experimente und Tests machen meine Beziehung zum Pferd nicht besser. Ich werde unberechenbarer und er weiß nicht immer, was ich von ihm möchte. Das stresst ihn.

Natürlich will ich den besten Deal für ihn – aber wenn der beste Deal mit noch mehr Experimenten verbunden ist, dann ist er eben nicht das Beste für den Projektwallach. Ich kämpfe jetzt mit dem Gedanken, ob ich meine Vorhaben tatsächlich alle begraben muss, weil Pferd an dem Punkt ist, wo er sagt „es reicht jetzt. Ich bin zu alt“.

Ich hatte mir in meiner Horsemanship-Verwirrung eine Reitpause verordnet und Paledo hat das wörtlich genommen, wurde krank und ist immer noch nicht fit. Jetzt, nach ein paar Wochen, bin ich mittlerweile an dem Punkt, wo ich mich frage, ob ich die Insel tatsächlich erreichen muss.

Vielleicht ist es mir dort am Ende zu schwül. Oder es gibt zu viele Moskitos. Vielleicht fühle ich mich unter den Eingeborenen nicht wohl. Oder der Weg dorthin ist zu beschwerlich. Und eigentlich bin ich gar kein Strandurlauber. Ich mache lieber Städtetrips. Oder gehe reiten in Il Cornacchino.

Auf all das habe ich zurzeit keine Antworten. Aktuell ist es nicht einmal sicher, ob wir überhaupt gesundheitlich in der Lage sein werden uns auf den Weg zu machen.

Was ich allerdings weiß ist, dass ich künftig nicht für das Urteil oder die Anerkennung anderer arbeiten werde und will, sondern für Paledos und mein eigenes.

Absolut und losgelöst gesehen mag er in den Übergängen noch immer etwas nach vorn fallen, könnte er sicher besser auf den Zügel reagieren und gerader loslaufen. Im Kontext und im Zusammenhang betrachtet haben wir aber einige Fortschritte gemacht. Letztlich ist es dieser Zusammenhang, die Vergleichbarkeit von Vorher und Nachher, die erst eine echte Aussage zulässt.

Stell dir vor, du fängst mit dem Backen an. Dein erster Kuchen geht im Backofen nicht auf, dann kriegst du ihn kaum aus der Form und am Ende schmeckt er auch noch fad und der Teig ist staubtrocken. Doch du bleibst dran. Dein zweiter Kuchen sieht immer noch etwas verunglückt aus, aber dieses Mal kommt er saftig und fluffig aus dem Ofen. Im Vergleich zur fünfstöckigen Hochzeitstorte eines Starkonditors mit drei Arten von Ganache, einem Unterlegboden aus Mürbeteig mit Schokoüberzug und einem zarten Biskuit samt Maracuja-Fruchtcreme bist du nach wie vor eine eher bescheidene Bäckerin. Auf deiner persönlichen Skala dagegen hast du dich massiv verbessert. Das gilt für alle unsere Unternehmungen – sei es in der Küche oder im Stall.

Mein Fazit

Warte nicht auf Bestätigung von außen, sondern klopfe dir selbst häufiger mal auf die Schulter, wenn dir etwas gut gelingt (und nein, du musst nicht den Starkonditor übertrumpfen). Nimm das Feedback von außen als das an, was es ist: eine Meinung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Prüfe diese Meinung. Tue sie nicht einfach ab, wenn du sie nicht hören willst, aber gebe ihr auch nicht mehr Einfluss, als sie es verdient hat.

 

barhuf

 

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Ein Kommentar

  1. Liebe Nadja, vielen Dank für diesen schönen Beitrag. Ich musste sehr schmunzeln, als ich deine Beschreibung mit der Insel gelesen habe, da ich diese ziemlich treffend fand – Denn vor nicht all zu langer Zeit war ich auch genau an dem Punkt. Man weiß, da gibt es eine Insel und man würde dort gerne hin kommen, aber das ‚Wie‘ ist das große Fragezeichen. Bei mir war es allerdings dann eher so, dass ich zu viele Karte auf dem Tisch hatte, die mir den Weg zeigen wollten, aber am Ende kam es auf das Gleiche raus – ich war total verwirrt und hatte mich verlaufen und war damit auch keine verlässliche Führung mehr für mein Pferd.
    Die Misere wurde mir so richtig bewusst, als er nicht mehr mit mir alleine raus gehen wollte. Er stemmte die Beine in den Boden und zeigte mir, bis hier hin und nicht weiter. Das war natürlich frustrierend und ich war am Boden zerstört und den Tränen nahe. Aber es war aus der Sicht eines Herdentieres absolut verständlich. Warum sollte er jemandem folgen, der selbst total planlos war. Am Ende führe ich ihn noch in den Tod und das ist dem Überleben eher weniger dienlich. 😉

    Ich hatte dann das Glück, dass mir jemand einen neuen Weg gezeigt hat, der für mein Pferdchen und mich einen Neustart bedeuteten und zwar die Freiarbeit. Was allerdings für uns der richtige Weg ist, muss noch lange nicht der richtige Weg für andere sein. Denn was ich in den letzten Monaten gelernt habe ist, dass man einfach seinen eigenen Weg zu dieser Insel finden muss und sich nicht verwirren lassen darf von diesen ganzen Ansätzen. Denn bekanntlich gibt es ja viele Wege noch Rom (oder eben zu der Insel). 😉
    Wenn du das Gefühl hast, deinen Weg gefunden zu haben, dann behalte ihn bei und lass dich nicht davon abbringen. Denn es wird immer andere/neue Ansätze geben, die einem den Weg zeigen wollen. Wie du schon geschrieben hast, es muss der beste Deal für das Pferd sein und der kann es nur sein, wenn auch du dich mit dem Ansatz wohl fühlst und du authentisch sein kannst – denn schließlich durchschauen unsere Vierbeiner uns sofort, wenn dem nicht so ist. 😉

    Also, bleibe dir und deinen Ansätzen treu und lass dich nicht verwirren. 🙂

    LG
    Stephanie

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