Die Essenz von Harmonie mit dem Pferd


Harmonie mit dem Pferd, Pferde verstehen BlogWir alle streben wohl nach Harmonie mit dem Pferd. Wollen eine Einheit mit ihm werden. Dazu ist schon so viel gesagt und geschrieben worden. Doch was ist Harmonie mit dem Pferd? Was zeichnet sie aus?

Wir kommen gerade aus dem Urlaub zurück und ich hatte erneut das Glück, Pelù reiten zu dürfen. Immer wieder habe ich dabei an dieses Zitat von Tom Dorrance denken müssen. Er sagt:

„First you go with the horse. Then the horse goes with you. Then you go together.“

„Erst gehst du mit dem Pferd. Dann geht das Pferd mit dir. Dann geht ihr zusammen.“

Dieser letzte Satz, das ist für mich der Kern, die Essenz von Harmonie. Ein Pferd, das leicht auf die Hilfen reagiert, ist gut. Aber nicht gut genug. Denn meiner Meinung nach geht es Dorrance um mehr als nur die körperliche Ausführung.

Es geht ihm um die mentale Ebene des Zusammenseins von Mensch und Pferd. Erst folgt der Mensch dem Pferd und dessen Ideen. Er lässt es seine Optionen ausprobieren und er lässt zu, dass es Fehler macht. Dann folgt das Pferd dem Menschen, der Mensch sagt ihm, wo es lang geht, und das Pferd erfährt, wie es sich anfühlt, sich vom Menschen führen zu lassen. Doch erst, wenn der Mensch das Pferd davon überzeugt hat, dass es sich lohnt, ihm zu folgen, erst wenn der Mensch dem Pferd ein gutes Gefühl geben kann, gehen beide zusammen. Dann ist das Pferd auf der Seite des Menschen. Dann ist es bereit, sich für den Menschen ins Zeug zu legen, aktiv zu werden und Dinge auszuprobieren. Es wird vom bloßen Befehlsempfänger zum engagierten Partner. Es kann die Hilfen des Menschen nicht nur leicht verstehen und ausführen, es will das auch tun.

Dieser Zustand ist für mich ein Äquivalent zu absolutem gegenseitigem Vertrauen. Mensch und Pferd haben das selbe Ziel, ziehen am selben Strang. Wenn beide auf das Gleiche fokussieren, dann entsteht Leichtigkeit. Dann muss nicht der Mensch vorgehen und das Pferd mitziehen, dann streben beide in die gleiche Richtung im gleichen Tempo mit der gleichen Intensität. Eine Art ultimative Gemeinsamkeit.

Harmonie mit dem Pferd, Pferde verstehen BlogDieses Gefühl hatte ich ganz oft, als ich mit Pelù auf dem Campo unterwegs war. Der Campo ist eine große Wiese voller Trailhindernisse. Fabio führte uns Teilnehmer des Western-Riding-Kurses an zwei Tagen dort runter. Ich mag Hindernisse, weil sie die Neugierde des Pferdes fördern, es mutiger machen und man als Reiter-Pferd-Paar seine Kommunikation genau auf die Probe stellen kann. Zusätzlich helfen sie dem Pferd, die Absicht des Menschen zu verstehen und geben ihr einen Sinn: Also nicht nur „Ich will Biegung und Innenstellung“, sondern „Ich will Biegung und Stellung um dieses Hütchen“ (nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Auf dem Foto wollte ich weder Stellung noch Biegung :)).

Wenn Pferd und Mensch gemeinsam – nicht nur zusammen – unterwegs sind, dann sind beide zufrieden im Hier und Jetzt und mit ihren Aufgaben. Mit Pelù fühlten sich vor allem unsere kleinen Hüpfer über die Baumstämme auf dem Campo und der Galopp außen ums Feld genau richtig an. Mit richtig meine ich, dass das Pferd unter mir dorthin geht, wo ich hingehen möchte, ohne, dass ich es vorne, hinten, rechts oder links begrenzen müsste.

Mehr über dieses Begrenzen kannst du hier nachlesen. Buck Brannaman spricht von einem Rechteck, das er mit seinen Hilfen um das Pferd legt.

Pelù war also weder zu schnell noch zu langsam unterwegs, noch driftete er nach rechts oder links. Als Reiter fühlt man sich auf so einem Pferd wahnsinnig sicher. Und deswegen glaube ich auch, dass Kontrolle niemals über mechanische Mittel oder über Zwang führen kann. Kontrolle setzt immer im Kopf des Pferdes, bei dessen Gedanken und Gefühlen an. Wir helfen ihm, dass es bei uns sein will und mitmachen will. Wir müssen es nicht mit Kraft und Druck und Zug bei uns halten. Und schon sind wir sicher.

Pelù war übrigens nicht die ganze Zeit so bei mir. Beim Slalom um die Hütchen zum Beispiel drückte er gegen mein linkes Bein und hätte die Bogen gern nach links ausgeweitet, weil dort seine Kumpels standen – und mit denen herumstehen war in diesem Fall attraktiver, als mit mir um Kegel zu kurven. Auf dem Platz dagegen, als Fabio uns alle gemeinsam in der Gruppe galoppieren ließ und andere Pferde deutlich mehr Tempo vorlegten, folgte er meinem Vorschlag des gemächlicheren Galopps – und blieb mit den Gedanken bei mir.

Auch mit dem Projektwallach zu Hause kenne ich Gemeinsamkeit, dieses „go together“. Auch sie ist noch kein Dauerzustand. Wenn wir zum Beispiel über Mini-Sprünge hüpfen, dann entscheidet sich oft erst kurz vorher, ob er springt oder ausweicht (manche Springtrainer werden vielleicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber ja, wenn ich hüpfe, dann trägt das Pferd die Verantwortung für den Sprung, nicht ich. Ich gängele ihn nicht. Das Pferd wählt, ob es springt oder nicht. Idealerweise folgt es meinem Fokus und tut es).

Harmonie mit dem Pferd, Pferde verstehen BlogEs zeigt sich nicht nur in den Extremen, ob das Pferd mental beim Reiter ist oder nicht, sondern auch in den kleinen alltäglichen Dingen. Wir reiten vom Stall weg in den Wald und das Pferd bewegt sich nur zäh vorwärts: Da hängt es mit den Gedanken noch im Stall. Ich hole es von der Koppel und es läuft zwar mit, aber würde sich gern ziehen lassen: gleiches Szenario, es weilt mit dem Kopf noch bei den anderen auf der Wiese. Wir sind in der kleinen Halle und ich hätte gerne einen runden Zirkel, aber an der hinteren Seite kürzt das Pferd ab: Die Seite stößt es ab wie ein gleichpoliger Magnet, es folgt nicht meinem Fokus, sondern hat andere Gedanken, die in diesem Augenblick wichtiger sind.

Die Kunst besteht nun für uns Menschen darin, dem Pferd unser Ziel, unsre Absichten schmackhaft zu machen. Wir müssen ihm etwas anbieten, dass es erstrebenswert findet. Leckerli und Pausen – um die beiden Hauptwerkzeuge der positiven Verstärker und der Horsemanship-Leute zu nennen – sind dabei Mittel zum Zweck, aber im Großen und Ganzen bleiben sie Krücken. Ich glaube, dass wir den Pferden noch etwas anbieten können, was sie mehr schätzen: Ein gutes Gefühl, wenn sie mit uns zusammen sind,  Sicherheit genauso wie Abwechslung, Neues gemeinsam entdecken genauso wie im Alten Ruhe zu finden.

Und zum Schluss noch ein paar Verweise:

Nicht nur bei Tom Dorrance oder Ray Hunt taucht diese Idee des gemeinsamen Gehens von Pferd und Reiter auf.

Mark Rashid und Ross Jacobs nennen sie Lightness und Softness (Leichtigkeit und Weichheit).

Ross sagt:

„Lightness is a physical response to pressure“

„Leichtigkeit ist eine körperliche Antwort auf Druck“

und

„Softness is an emotional response to pressure“

„Weichheit ist eine emotionale Antwort auf Druck“

 

Und da schließt sich der Kreis zu den Hilfen, die ich am Anfang erwähnt habe. Ein Pferd, das leicht auf eine Hilfe reagiert, ist „light“, aber nicht zwangsläufig „soft“. Es hat gelernt, wie es reagieren soll, aber hat es die Hilfe auch verstanden? Ist die Hilfe für es sinnvoll? Erst wenn es mental und emotional einverstanden ist, wird aus einem Pferd, das leicht reagiert, ein weiches Pferd.

 

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Natural Horsemanship: Aus Fairness zum Pferd*
  • Nadja Müller, Susanne Kreuer
  • Herausgeber: Pepper Verlag
  • Auflage Nr. 1 (15.08.2016)
  • Taschenbuch: 144 Seiten
The Essence of Good Horsemanship*
Fast schon obligatorisch: Der Hinweis auf das Buch von Ross Jacobs.
Der auf die Pferde hört: Erfahrungen eines Horseman aus Colorado*
Ein Buch vom oben zitierten Mark Rashid.Wenn dein Englisch gut genug ist, lies die Bücher im Original, nicht in der Übersetzung.

 

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6 Kommentare

  1. Was für ein wunderbarer Text – ich war die ganze Zeit mit Nicken und Lächeln beschäftigt. Der Zustand den du beschreibst ist das, wonach ich immer suche. Nicht immer und in jeder Sekunde ist er erreichbar – aber wenn man ihn hat, ist es ein unglaubliches Gefühl. Es klingt vielleicht kitschig, aber es ist als ob wir eins wären – das Pferd und ich. Dann sind meine Gedanken die des Pferdes und die Gedanken des Pferdes schleichen sich sanft bei mir ein, dann geht man zusammen vorwärts und hat eine gemeinsame Idee und manchmal weiss man gar nicht mehr, wer die Idee eigentlich zuerst hatte. Ich liebe diese Momente, finde sie berührend und glücklichmachend. Danke also für deinen Text, deine Gedanken und die Erinnerung daran, dass es das ist, was wirklich zählt. Bis bald, Petra

    • Danke! Ich glaube auch, dass es irgendwie das absolute Ziel ist, diese Verbindung zum Pferd zu erreichen und vor allem auch halten zu können. Gelingt mir auch noch nicht ständig, aber wenn man sie mal hat, dann weiß man wofür man eigentlich die ganze Zeit arbeitet 🙂

  2. Liebe Nadja,

    danke für diesen schönen Artikel. Ich kenne das Gefühl so gut, es fühlt sich herrlich an. Man ist dann so verbunden miteinander und man hat das Gefühl, dass der Gedanke schon alleine reicht.

    Diese Momente sind wunderschöne Geschenke. 🙂

    Liebe Grüße
    Claudia

    • Hallo Claudia, danke für deinen Kommentar 🙂 Diese Verbundenheit ist echt ein Ziel, das es sich anzustreben lohnt. VG! Nadja

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