Dem Pferd Sicherheit geben

dem Pferd Sicherheit geben, Pferde verstehen

Mit Helm, ohne Sattel, ohne Kopfstück, mit Halsring in der Halle: Auf Paledo fühle ich mich so sicher. Und auch er ist einverstanden. Foto: Tom Haubner

Wie kann ich dem Pferd Sicherheit geben?

Sicherheit ist das wichtigste Grundbedürfnis des Pferdes. Und als sein Mensch und Partner ist es unsere Aufgabe, diese zu gewährleisten. Nur wie?

Die Voraussetzung ist denkbar einfach: Wenn ich Sicherheit geben will, muss ich mich selbst sicher fühlen. Ich brauche die Zuversicht und das Selbstbewusstsein, händeln zu können, was auf mich zukommt. Habe ich Zweifel, zweifelt auch mein Pferd und sucht Sicherheit anderswo.

Deswegen finde ich es unheimlich wichtig, sich nicht in Situationen mit dem Pferd zu begeben, die uns leicht aus der Hand gleiten können. Im Englischen gibt es das Sprachbild „an accident waiting to happen“ – das Unglück wartet dann nur darauf, einzutreten. Ich kriege das sprichwörtliche Zittern, wenn mir Leute erzählen, dass sie zur Abwechslung mal mit ihrem Pferd spazieren gehen wollen – das Pferd aber alles andere als halfterführig ist. Wenn man Glück hat, geht das gut. Das Pferd erschreckt sich nicht, läuft brav mit und reißt sich nicht los. Auf Glück allein will ich mich aber nicht verlassen. Sondern darauf, Probleme lösen zu können, wenn sie auftauchen. Und dafür brauchen wir Handwerkszeug. Darauf müssen wir vorbereitet sein.

Der Grat ist schmal: Auf der einen Seite hilft es niemandem, alles schwarz zu malen und überall mögliche Schwierigkeiten und Gefahren zu wittern. Dann traut man sich nämlich erst recht nichts mehr zu. Auf der anderen Seite werfen Selbstüberschätzung und Überforderung Mensch und Pferd ebenfalls weit zurück.

Mehr Sicherheit für den Menschen

Vor kurzem habe ich ein Webinar mit Jane Pike von Equicoach mitgemacht. Jane bricht die ganze Thematik des Selbstbewusstseins und der Sicherheit wunderbar herunter.

Um uns gut zu fühlen, brauchen wir zwei Dinge: confidence (Selbstsicherheit, Zuversicht) und competence (Kompetenz und Können). Die beiden bedingen einander, sind aber nicht identisch. Selbstsicherheit basiert auf meinem Fokus und meinem Gefühl. Kompetenz basiert auf meinen Fähigkeiten. Mein Gefühl ist eine Einstellungssache, an der ich sofort arbeiten kann. Meine Fähigkeiten wachsen mit der Zeit, wenn ich an ihnen feile.

Wir brauchen beide: Wenn ich nur selbstsicher bin, aber keine Ahnung von dem habe, was ich tue, falle ich früher oder später auf die Nase oder bringe mein Pferd in Situationen, die es überfordern. Wenn ich kompetent im Umgang mit Pferden bin, mir aber nichts zutraue, dann stehe ich mir selbst im Weg und werde meine Ziele nicht erreichen können, weil mich mein fehlender Glaube an mich selbst davon abhält.

Vorbereitung ist alles

Für mich führt der Weg zu mehr Sicherheit immer über eine möglichst gute Vorbereitung. Natürlich kann ich nicht alle Eventualitäten ausschließen und auch nicht jede mögliche Situation üben und durchexerzieren. Das ist auch nicht der Sinn dahinter. Vielmehr geht es darum, dass das Pferd einen soliden Grundgehorsam hat und soweit ausgebildet ist, dass ich im Worst Case die Mittel an der Hand habe, um die Situation zu deeskalieren. Wenn sich mein Pferd zum Beispiel losreißen will, und ich im Vorfeld aber mit ihm trainiert habe, dass ich seine Hinterhand herumschwingen kann, so dass es mich wieder ansieht, dann habe ich damit eine Methode an der Hand, um das Pferd bei mir zu halten.

Ich eigne mir diese Fähigkeiten in einem geschützten Umfeld, das heißt im Round Pen, der Halle oder dem Platz, an.

Für mich sind es die solide Horsemanship-Basis, der Umgang mit dem Führseil, die Prinzipien des Horsemanship, wie ich sie auch in meinem kostenlosen Ebook aufgeführt habe, die mir Sicherheit geben.

Sicherheit in so fern, als dass ich weiß, mit dem Pferd eine gemeinsame Sprache gefunden zu haben und Kommunikation aufbauen zu können. Sicherheit ist also in meinem Fall das Wissen um Kompetenz und die Fähigkeit, sie anwenden zu können.

Wie eigne ich mir die wichtigen Fähigkeiten an?

Ich rate zu einem kompetenten Trainer 🙂 Aber natürlich gibt es jede Menge guter Bücher, DVDs und Kurse.

Natural Horsemanship: Aus Fairness zum Pferd*
In meinem Buch geht es um die vielen Kleinigkeiten, die die Beziehung zum Pferd verbessern können - und damit auch die Sicherheit.

Meine persönliche Horsemanship-Reise begann mit dem Levelprogramm von Parelli, und deswegen kann ich (die alten!) Level 1 und 2 guten Gewissens empfehlen.

Wer einen noch direkteren und lösungsorientierteren Zugang sucht, findet ihn bei Warwick Schiller. Ich finde seine Trainingsphilosophie Parellis deutlich überlegen, weil Warwick die Lücken an der Basis gnadenlos aufdeckt und dann zu füllen weiß. Er redet nicht um den heißen Brei herum und kommt direkt zum Punkt.  Auch er bietet wie Parelli ein Programm an, dem man Schritt für Schritt folgen kann.

Dann, natürlich, mein ewiger Favorit, die 7 Clinics von Buck Brannaman. Zusammenschnitte aus sieben seiner Seminare. Hier kommt die Sprache auf fast alles: Angst, der richtige Sitz und gute Vorbereitung.

Reiten aus der Körpermitte, Band 1; .: Pferd und Reiter im Gleichgewicht (Reiten aus der Körpermitte, 1)*
Reiterlich finde ich Sally Swifts 'Reiten aus der Körpermitte' sehr hilfreich. Es deckt ungesunde Bewegungsmuster und Angewohnheiten des Reiters auf (in meinem Fall zum Beispiel feste Fußgelenke oder die Tendenz zum Stuhlsitz), die oft unser Gefühl von Sicherheit im Sattel beeinträchtigen. Das Buch zeigt Wege, wie man diese Schwachstellen beseitigen und sich damit sicherer und mehr im Einklang mit dem Pferd fühlen kann.

 

Mehr Sicherheit fürs Pferd

Die meiner Meinung nach wichtigste Voraussetzung für ein sicheres Pferd ist wie bei uns sein Selbstvertrauen. Ich schreibe ganz bewusst nicht nur Vertrauen, weil ich der Meinung bin, dass das Pferd vor allem gelernt haben sollte, mit schwierigen Situationen ohne die Unterstützung des Menschen zurecht zu kommen. Das Pferd soll statt zu fliehen, denken und selbstständig eine Lösung finden können.

Richtig verstandenes Horsemanship – und hier vor allem die Bodenarbeit – hat genau dieses Ziel: Dem Pferd zu zeigen, dass es diverse Reize und Umwelteinflüsse von uns Menschen nicht fürchten muss, sondern händeln kann. Wir setzen dem Pferd also Situationen aus, die ihm Angst einflößen können und konfrontieren es mit Druck. Indem wir das schrittweise und systematisch tun, lernt das Pferd, dass nicht Panik die Lösung ist, sondern Ruhe bewahren und gegebenenfalls dem Druck zu weichen. Es lernt, was es tun muss, um den Druck abzustellen beziehungsweise, dass es manche Arten von Druck und Reizen einfach ignorieren kann. Genau das gibt dem Pferd Selbstbestimmung zurück, da wir es eben nicht in Situationen bringen, in denen es alles über sich ergehen lassen muss und es keinen Ausweg gibt (wie beispielsweise bei der Technik des Floodings).

Ich finde es wichtig, dem Pferd diese Grundausbildung in der „Angstfreiheit“ mitzugeben, auch wenn sie bedeutet, dass es damit ein Stück weit autark wird – da es eben nicht mehr auf uns Menschen angewiesen ist, wenn eine Situation gruselig wird, sondern Sicherheit in sich selbst finden kann. Horsemen wie Buck Brannaman oder Pat Parelli meinen das Gleiche, wenn sie sagen, dass nicht wir das Pferd kontrollieren, es muss das selbst tun. Dieses Video von und mit Warwick Schiller zeigt, was das bedeutet: Sein Pferd ist noch nie vor Publikum aufgetreten, hat aber keine Angst und seine Emotionen unter Kontrolle.

Ist das Pferd (vom Boden) gut vorbereitet worden, und fühle ich mich als Mensch sicher (das heißt meine Fähigkeiten reichen aus und mein Selbstvertrauen ist intakt), dann können Mensch und Pferd gemeinsam schwierige Situationen meistern.

The Essence of Good Horsemanship*
Auch auf die Gefahr hin, dich langsam zu nerven: Dieses Buch ist ein Muss für alle, die sich für reales Horsemanship interessieren. Keine Anleitung, sondern eine Darlegung der wichtigsten Prinzipien samt anschaulicher Beispiele.
Entdecke den Horseman in dir: Elf Schritte zu Gelassenheit und Sicherheit mit dem Pferd*
Heinz Welz ist schon lange im Geschäft, und ich mag vor allem seine alten Bücher. Klare Anleitungen, super Bebilderung: Alles, was man für den Anfang braucht.

 

dem Pferd Sicherheit geben, Pferde verstehen

Jane von Myequicoach.com bietet Mindset-Coaching für Reiter an – leider nur auf Englisch. Hier Lieblingsthema ist Selbstsicherheit. Auf ihrer Homepage findet ihr jede Menge Texte und Videos zu verschiedenen Aspekten rund um die Themen Fokus und innere Einstellung.

Tanja schreibt hier über Unsicherheit – und warum sie meistens beim Menschen zuerst zu finden ist.

Über Angst bei Mensch und Pferd und was man gegen sie tun kann, habe ich hier schon geschrieben.

Hier schreibe ich über den Unterschied von Sensibilisieren und Desensibilisieren.

 

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5 Kommentare

  1. Liebe Nadja.
    Vielen Dank für deine super Inputs!
    Ich würde so gerne „The Essence of good Horsemanship“ einmal lesen können, aber mein Englisch reicht einfach nicht aus. *sniff*
    Könntest du Dich vielleicht als Übersetzerin betätigen?
    Ich weiss, das braucht viel Zeit und die hast du wahrscheinlich nicht.
    Liebe Grüsse
    Yvonne

    • Hallo Yvonne, ich hatte mir das auch mal überlegt, aber das müsste mit dem Autor besprochen werden 🙂 Da gibt es jede Menge Dinge zu beachten, unter anderem Urheberrecht. Aber vielleicht frage ich Ross Jacobs einfach mal. VG!

  2. Hallo, gibt es Kurse die man besuchen kann, wenn man selbst nicht so sicher ist. Wie man sicherer wird und sein Pferd auch sicherer machen kann? Es schleichen sich so leicht Fehler ein, wenn man versucht geschriebene Dinge alleine umzusetzen.

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