Auf der Suche nach dem rechten Maß

Hilft: ein unverstellter Blick.

Hilft: ein unverstellter Blick. Foto: Nadja

Ich suche das rechte Maß. Schon immer, und aktuell intensiv.

Wenn ich an die Pferde denke, fällt mir dazu zuallererst das richtige Maß für Druck ein.

As much pressure as necessary, as little as possible

Wir brauchen so viel Druck wie nötig, aber sollten so wenig wie möglich einsetzen.

Eine gängige Aussage und ein gängiges Zitat – ich glaube, von Pat Parelli.

Machen wir zu wenig Druck, verändern wir nichts. Machen wir zu viel Druck, bringen wir das Pferd in unnötige Schwierigkeiten. Wir brauchen die richtige Dosierung von Druck, um effizient und fair zu sein.

Eine Stute, mit der ich arbeite, soll lernen zu mir hin zu denken, statt die Lösung fern von mir zu vermuten. Mache ich zu wenig Druck, sucht sie nicht mehr nach einer Antwort, sondern verharrt in ihrem Stadium des Nicht-Sicher-Seins, was ich denn von ihr will. Mit diesem Zustand ist sie einverstanden, weil sie nach wie vor überzeugt ist, die besseren Ideen zu haben. Mache ich zu viel Druck, dann denkt sie erst recht von mir weg. Wer will sich schon auf jemanden einlassen, der Unmengen Energie schickt, die uns von ihm abprallen lassen.

Doch das rechte Maß erschöpft sich nicht bei der Anwendung von Druck. Es lässt sich nicht nur auf unsere Handhabung des Drucks anwenden – sondern allgemein auf unseren Umgang mit dem Pferd, mit uns und mit anderen. Sprich, auf unser ganzes Leben.


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Das rechte Maß – fürs ganze Leben

Manchmal bin ich einfach maßlos. Nicht im Sinne von raffgierig, sondern im Sinne von “mir fehlt das rechte Maß”: ich habe dann den Überblick verloren über Verhältnismäßigkeiten, Gewichtungen – ich bin aus der Balance gekommen. Wie das im Negativen funktioniert, ist klar.

Negative Eigenschaften, eine Tendenz zu Ungeduld, Ungerechtigkeit oder Wut, scheinen unser Gleichgewicht zu stören. Wir sind uns darüber im Klaren und bemühen uns darum, sie im Zaum zu halten und uns zu beherrschen. Wer kann sich schon mit dem Gedanken anfreunden, seine Laune wieder ungerechtfertigterweise am Pferd ausgelassen zu haben. Fühlt sich nicht gut an. Wollen wir nicht.

Doch die Waage kann auch in die andere Richtunge ausschlagen: Wenn man übers Ziel hinaus schießt, kann sich ein eigentlich gutes Verhalten in ein schlechtes verwandeln.

Auch unsere guten Eigenschaften – oder jene, die wir für erstrebenswert halten – haben ihre dunklen Seiten. Und zwar dann, wenn uns das rechte Maß abhanden kommt.

  • Zu viel Konsequenz wird Härte.
  • Zu viel Geduld wird Stagnation.
  • Zu viel Liebe wird Fanatismus.
  • Zu viel Klarheit wird Rechthaberei.
  • Zu große Genauigkeit wird Pedantismus.
  • Zu viel Motivation wird Stress.
  • Zu viel Erwartung wird Leistungsdruck.
  • Zu viel Lob wird Beliebigkeit.
  • Zu viel Freiheit wird Unzuverlässigkeit.
  • Zu große Loyalität wird Blindheit.
  • Zu viel Vertrauen wird Leichtgläubigkeit.
  • Zu viel Rücksichtnahme wird Bevormundung.
  • Zu viel Freude wird Überdrehtheit.
  • Zu viel Nachdenken wird Verkopftheit.

Zunächst dachte ich, dass wir immer die Mitte anstreben sollten zwischen den Extremen. Sozusagen das Mittelmaß (aber wer will schon mittelmäßig, durchschnittlich sein?). Ich glaube aber, dass das nicht die Lösung ist. Das rechte Maß ist situationsabhängig.

Ich glaube, das rechte Maß in seinen Handlungen finden, bedeutet angemessen handeln (da steckt “messen” drin). Dabei kann große Loyalität oder intensives Nachdenken (was wir als positive Eigenschaften/Verhalten werten) genauso angebracht sein wie Wut, Enttäuschung oder große Strenge (negative Eigenschaften/Verhalten).

Warst du schon einmal richtig wütend und hast dir dann versucht einzureden, dass es nichts bringt, dass du dich beruhigen musst? Und was hat dir das Wissen um dein in deinen Augen “schlechtes” Verhalten (= die Wut) gebracht? Richtig. Wahrscheinlich nicht viel. Das Wissen um oder das Bewerten einer Emotion ändern nichts an der Emotion an sich. Wir machen es uns nur schwerer, wenn wir uns schlecht fühlen, weil wir fühlen, wie wir fühlen. Wenn dich das Thema beschäftigt, lies Mark Manson.

Oder, aktuell, wenn ich an den Projektwallach denke: Wir haben gerade einen größeren Anfahrtsweg (eigentlich: Anführweg) zur Koppel. Paledo würde sich unheimlich gern ziehen lassen.  Wenn ich den Strick jetzt leicht annehme, kommt er auch sofort zwei, drei Schritte schneller nach vorn. Um sich dann wieder zurückfallen zu lassen. Und meine Ungeduld, mein Unmut wächst. Und wächst. Wenn ich jetzt geduldig bleibe, und ihn einfach immer wieder antreten lasse, wird er sein Verhalten nicht ändern, uns sich immer wieder zurückfallen lassen. Weil für ihn dieser Deal ok ist. Meine Ungeduld weist mich hier deutlich darauf hin, dass ich etwas an meinem Verhalten ändern muss, um vom Pferd ebenfalls ein anderes Verhalten zu erhalten.

Der Dreh dabei: Unsere negativen Gefühle gehören dazu wie unsere positiven. Es bringt nichts, nur die positiven zuzulassen und zu versuchen, die negativen wegzuschieben. Weil beide uns etwas mitteilen – und uns beide helfen, am Ende die Balance zu finden. Das rechte Maß eben.

 

 

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2 Kommentare

  1. Na und was tust du in der Beispielsituation? Wie änderst du dein Verhalten?

    • Im Falle der Stute habe ich experimentiert, wie viel Druck ich machen muss, um ihr das Wegschauen unbequem zu machen und wie groß die Release ausfallen muss, damit sie versteht, auf was ich aus bin. Im Falle des Wegs zur Koppel hole ich Paledo nicht einfach nur ein, zwei Schritte nach vorn, sondern schicke ihn vor und lasse ihn neben mir herlaufen. Ich lasse ihn nicht mehr hinter mir her bummeln, sondern versuche ihn zu beschäftigen mit Tempowechseln, Tempounterschieden, Rückwärts, Anhalten und wieder Antreten.

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