Dem Pferd Klarheit bringen


In letzter Zeit habe ich hin und wieder mit Pferden zu tun, die auf den ersten Blick gehorsam sind.

Sie stehen brav am Anbindeplatz. Sie lassen sich führen. Du kannst auch ohne Probleme aufsitzen.

Wäre da nicht der weiße Schimmer in ihrem Auge, wenn sich jemand nähert und sie angebunden sind. Der verspannte Unterhals und die brettharte Kruppe. Der blockierende Kopf, wenn ich auf die rechte Seite möchte – oder die abgeklappten Ohren, wenn ich die Stirn streicheln will.

Fragt ich dann, ob sich das Pferd von mir am Seil auf den Zirkel schicken lässt, erhalte ich entweder ein fest gefrorenes Pferd mit vor Anspannung zitternden Muskeln. Oder eine unkontrollierte Bewegungsexplosion.

Vor ein paar Tagen habe ich auf der Homepage eines Problempferde-Trainers diesen Satz gelesen:

Das Einzige, was für ein Pferd zählt, ist, wie es sich neben Dir fühlt

Genau das ist für mich der Kern der Sache. Diese gehorsamen Pferde funktionieren. Aber sie fühlen sich schlecht in unserer Anwesenheit. Um es deutlicher zu sagen: Sie fühlen sich beschissen.

Sie haben gelernt, das zu kompensieren, es irgendwo tief drin zu verbergen. Sie wissen, dass sie entweder keine Angst haben oder sie nicht zeigen dürfen. Und sie wissen nicht, dass sie tatsächlich Lösungen für Probleme selbstständig finden können. Weil wir Menschen uns nicht die Zeit genommen haben, ihnen das zu erklären.

Klarheit

Für Fußfolgenfetischisten: Auch der Schritt hat eine diagonale Stützbeinphase 🙂 Foto: Isabel Tomczyk

Meine Aufgabe ist es also, Klarheit zu bringen. Klarheit und  – das klingt jetzt kitschig – Frieden.

Im Englischen fallen mir dazu die Wörter „peace of mind“ und „serenity“ ein. Ich versuche dem Pferd das mitzugeben, was es braucht, um in seiner Welt Frieden mit uns Menschen zu finden.

Und dann denke ich mir: Was gibt es Besseres, als das Leben eines Pferdes so zu verändern, dass es Entspannung finden kann? Die Verwandlung zu sehen von einem Pferd, das vor Anspannung zittert, Konsequenzen fürchtet und riesige Fragezeichen über dem Kopf schweben hat. Hin zu einem Tier, das tief ausatmet, wenn die zuvor gefürchtete Peitsche über seinen Rücken schwingt, das den Kopf senkt  – und nicht aus Resignation. Zu sehen, wie die Augen anfangen zu blinzeln und weich werden und zu sehen, wie das Verständnis einsetzt. Wie ein harter Körper weicher und die Bewegungen geschmeidiger werden.

Indem wir die Fragen des Pferdes klar und eindeutig beantworten, schenken wir ihm Lebensqualität in rauen Mengen: Wir bieten ihm dadurch Verlässlichkeit und Sicherheit. Das Pferd lernt, dass es uns mit seinem Verhalten beeinflussen kann und es begreift, dass es eigenständig Antworten finden kann. Wir geben ihm damit ein Stück Selbstbestimmung zurück. Und diese Selbstbestimmung ist das Gegenmittel für Angst und erlernte Hilflosigkeit.

Siehst du die Sorgen deines Pferdes?

Bei manchen Pferden ist die Unsicherheit so ausgeprägt, dass sie sich in großen Reaktionen zeigt. Bei anderen muss man dagegen sehr genau hinsehen, um sie zu bemerken – und um so leichter ist es dann, einfach über die Sorgen des Pferdes hinwegzugehen.


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Mit dem Projektwallach geht mir das ab und an noch so. Weil er so chillig und ruhig ist, denkt man automatisch, was für ein entspanntes Pferd er doch ist. Der Eindruck stimmt auch meistens. Aber eben nicht immer.

Gerade vor ein paar Tagen, nach einer Reiteinheit, die ich als super harmonisch empfand, steige ich ab, er atmet aus, fängt an zu kauen und leicht mit den Zähnen zu knirschen. Das tat er nicht während der Einheit, nur ein paar Mal danach. Dann war wieder gut. Vielleicht mache ich da aus einer Mücke auch einen Elefanten (so wie Tanja es hier beschreibt). Aber er und mein Gefühl sagen mir, dass ihn etwas gestresst haben muss: Wir haben relativ intensiv an Stellung und Biegung in Bewegungsrichtung gearbeitet – das fällt ihm körperlich sehr schwer. Und da er ein sehr gehorsames Pferd ist, kann ich mir gut vorstellen, dass es ihn stresst, meinen Wünschen nicht entsprechen zu können. Auch, weil er erwartet, dass das für ihn negative Konsequenzen haben könnte. Und da erreiche ich dann einen Punkt, wo ich mir Gedanken machen muss, ob ich meine Hilfen tatsächlich fair und verständlich gebe – und ob das beim Pferd auch so ankommt.

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2 Kommentare

  1. Danke für den Beitrag, das sind auch meine Themen momentan. Das Wort Klarheit habe ich vor zwei Wochen an meinen Monitor gepinnt und seitdem fällt mein Blick immer wieder drauf, mal mit einem Fragezeichen und mal mit einem wohligen Gefühl im Bauch. Je mehr Klarheit wir selbst empfinden, desto klarer kommunizieren wir ja auch mit unseren Pferden. Früher habe ich auch oft überhört, was unklar war – einfach auch aus dem Grund, weil mir gar nicht bewusst war, dass Pferde tatsächlich so klar mit uns kommunizieren können. 🙂 Hoffentlich werde ich auch in der Zukunft so über mein aktuelles Handeln sprechen können. Danke für deine Gedanken!

    • Hallo Miri, danke für deinen Kommentar und den Austausch zum Thema Klarheit. Mein Hirn schwirrt gerade um das, was du geschrieben hast: Die Klarheit nicht nur im aktuellen Kontext einer Aufgabe fürs Pferd zu sehen, sondern als allgemeinen Ansatz für unsere Verhalten und unsere Art zu leben. VG! Nadja

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