"Horsemanship? Das ist doch selbstverständlich!"

Immer mal wieder stolpere ich über eine Aussage. Oft kommt sie von Pferdetrainern. „Horsemanship ist doch selbstverständlich“.

Wer beruflich und erfolgreich mit Pferden arbeitet, wisse um ihr Wesen, ihr Lernverhalten und trainiere entsprechend.
Diese Aussage macht mich sauer. Nicht nur, weil damit eine ganze Bewegung negiert wird. Sondern auch, weil sie einfach falsch ist. Daran gibt es nichts zu rütteln, zu verargumentieren oder zu verklausulieren.

Horsemanship ist nicht gleichbedeutend mit gesundem Menschenverstand.
Horsemanship macht man auch nicht automatisch, wenn man sich ein Pferd hält. Horsemanship lernt man auch nicht einfach so nebenbei als Zugabe der normalen Dressurstunde.
Wir sind – auch dank der FN – noch endlos weit davon entfernt, dass Horsemanship allgemein zugänglich, in den Köpfen der meisten Reiter angekommen ist – und – auch konsequent angewendet wird.

 

Schauen wir mal auf Turniere, wo die Profis unterwegs sind – also jene, denen Horsemanship längst in Fleisch und Blut übergegangen sein soll. Schließlich verdienen sie ihr Geld damit, also müssen sie etwas davon verstehen.
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Horsemanship = Pferdeverstand?
Auch, aber nicht nur. Foto: Nadja
Wenn Horsemanship so ein allgemein verbreitetes und anerkanntes Gedankengut ist, wieso gibt es dann die Rollkur? Ok, einzelne Idioten kommen auf dumme Ideen. Aber, und das ist der springende Punkt: Wieso ist die Rollkur nicht längst verboten worden (da sind uns die Schweizer weit voraus)?
Wenn Horsemanship so geläufig ist, wieso brauchen dann manche Turnierreiter jemanden, der ihnen das Pferd festhält, weil sie allein nicht aufsteigen können?
Wieso können hoch ausgebildete Dressurpferde beim Halt vor der Prüfung nicht ruhig stehen?
Wieso reiten Springreiter ab den höheren Klassen dann mit Gebissen und Werkzeugen, die einer mittelalterlichen Folterkammer Ehre machen würden?

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Wenn Horsemanship so selbstverständlich ist, wieso hat die FEI dann vor ein paar Jahren darüber nachgedacht, nur noch 3 (!) Pferde auf Ehrenrunden zuzulassen – weil in schöner Regelmäßigkeit alle durchgehen und das zu gefährlich für Pferd und Reiter wird? Wieso wird über Ohrenstöpsel für Siegerehrungen diskutiert und wieso Pferde im Schritt auf Ehrenrunden geführt?
Wieso lehrt die FN dann immer noch das Longieren mit Ausbindern, Trense und Sperriemen?
Die Liste lässt sich weiterführen und beweist, dass eine Ausbildung, die im Einklang mit dem Wesen des Pferdes stattfindet, gerade nicht selbstverständlich ist. Wenn der Reiter sich Gedanken über Kontrollverlust machen muss und dagegen mit Ohrstöpseln und schärferen Gebissen angeht, dann basiert der Ritt wohl eher nicht auf Harmonie und gegenseitigem Vertrauen.

 

Was Horsemanship genau ist, mag Definitionssache sein. Pferde(Sach)verstand und pferdegerechte (auch wenn ich dieses Wort nicht mag, da es inflationär gebraucht wird) Ausbildung zählen dazu, spielen hinein.
Und beide sehe ich bei Weitem nicht so häufig, wie ich das gern täte – weder bei Freizeitreitern noch bei den Profis.
Was bedeutet Horsemanship für euch?
PS: In diesem Artikel geht es Ross Jacobs ebenfalls um die angebliche Selbstverständlichkeit von gutem Horsemanship.
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2 Kommentare

  1. Sehr treffende Beispiele, Nadja.
    Ich habe persönlich noch niemanden getroffen, der gesagt hat, dass Horsemanship selbstverständlich sei. Aber ich kann mir vorstellen, dass einige das behaupten.

    • Ich kenne diese Arroganz vor allem von Spartenfremden. Also solche, die mit Horsemanship nichts am Hut haben, aber glauben kraft souveräner Intelligenz eh alles zu können und zu wissen. Da kann man das Seilchenschwingen schon mal belächeln. Und das ärgert mich.

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