Entspannt spazieren gehen

Unterwegs im Feld. Foto: Isabel Tomczyk Photography

Pferd holen, raus aus dem Stall und los geht’s über Feldwege und durch den Wald.

Damit der Spaziergang mit dem Pferd auch tatsächlich so entspannt ausfällt, wie erhofft, gibt es ein paar Dinge, die du beachten kannst.

Die PN ist von Anfang an ohne Probleme mit mir von den anderen weggegangen. Er orientiert sich nicht besonders stark an seinen Herdenkollegen. Andererseits ist der Herr aber durchaus auf der glotzigen Seite des Lebens zuhause und hat gerne den Überblick und die Kontrolle. Er lässt sich leicht ablenken und genauso leicht verunsichern. Entspannte Spaziergänge waren also nicht von Anfang an möglich, wir haben uns Schritt für Schritt herangetastet.

Entspannt spazieren gehen – mit diesen Tipps:


Schritt für Schritt um den Block

Unsere ersten Ausflüge führten aus dem Stall, um die Ecke, 100 Meter den Feldweg entlang und wieder zurück. Und das war aufregend. Kopf hoch, links und rechts schauen, stehen bleiben, schnorcheln.

Wenn dein Pferd schon nach wenigen Metern in diesem Modus ist und du fragst es danach, weiterzugehen, ignorierst du nicht nur seine Emotionen, sondern riskierst dazu noch eine heftige und hässliche Reaktion.

Für unsichere und ängstliche Pferde (und Menschen) gilt: Qualität vor Quantität. Du kannst 100 Meter entspannt laufen? Super! Dann drehe rum und freue dich über die ersten 100 Meter. Am Folgetag kannst du dir die nächsten 50 (oder 20, oder 10) vornehmen. So dehnt ihr eure Komfortzone Schritt für Schritt aus.

Ziel ist es nicht einfach spazieren zu gehen. Du willst entspannt gehen. Am losen Seil oder Zügel. Ohne Dauerzug und Daueranspannung, weil dein Pferd denkt, es wird als Hauptgang zur nächsten Grillparty gebracht.

Es kann passieren, dass dein sorgfältig aufgebautes Spaziergänge-Training torpediert wird. In unserem Fall war nach meinem Urlaub ein fieses Maisfeld so hoch gewachsen, dass der Herr nicht mehr darüber hinweg schauen konnte. Es ragte wie eine Mauer vor ihm auf. Gruselig am Anfang. Das Bild nach ein paar Wiederholungen:

Im Sommer, am Maisfeld mit Familie. Foto: Dagmar

Lass dich von Rückschritten also nicht entmutigen! Was einmal sitzt, ist in der Regel schnell wieder abrufbar, auch wenn es von einem dringenderen Reiz erst einmal überlagert wird.

Vorausschauendes Gehen

Beim Spazierengehen übernehme ich die Führung. Das heißt, es ist mein Job, die PN nicht in Situationen zu bringen, die sie nicht händeln kann. In unserem Fall sind das zurzeit noch Traktoren und große Landmaschinen. Wir brauchen schon so vier, fünf Meter Abstand, damit die PN es aushalten kann, wenn ein solcher Brummer vorbei tuckert. Das bedeutet für mich konkret, dass ich unsere Wege im Auge habe und schaue, ob sich ein Traktor nähert oder nicht – und ob tendenziell Flächen zum Ausweichen vorhanden sind, ohne, dass ich dem Bauern mit dem Pferd in seinen frisch gesäten Acker springen muss.

Das Konzept der „Worry Cup“


Horseman Harry Whitney hat ein sehr schönes Bild, um die steigende Sorge und Angst im Pferd zu illustrieren. Er nennt es „Worry Cup“, zu Deutsch Sorgentasse. Jedes Pferd hat eine solche Tasse, abhängig vom Charakter des Pferdes ist sie unterschiedlich groß. Ihr Volumen steht für die Menge an Angst, die ein Pferd tolerieren kann. Ist die Tasse voll und es kommt dann noch ein angstauslösender Reiz hinzu, läuft sie über. Das ist dann der Moment, wenn das Pferd heftig reagiert, bockt, steigt oder versucht sich loszureißen.
Verschiedene Situationen im Laufe des Tages oder einer Trainingseinheit erhöhen nach und nach den Füllstand in der Tasse. Damit sie nicht überläuft, ist es unsere Aufgabe, sie immer wieder zu leeren und den Füllstand so niedrig wie möglich zu halten. Das tun wir mit Entspannung, Pause und allen Übungen, die unser Pferd zum Denken bringen und an uns andocken lassen.

Vielleicht kennt ihr die Beschreibungen von einem Pferd, das an einigen Holzstapeln oder anderen potenziell gefährlichen Dingen problemlos vorbei ging und dann am nächsten „aus dem Nichts“ ausrastete. Und der Mensch denkt: „Mein Gott, ist der blöd. Die anderen haben ihn doch auch nicht gestört.“ Wendet man die Geschichte mit dem Sorgentassen-Konzept an, findet man leicht eine Erklärung für das Verhalten des Pferdes: Die Holzstapel haben seine Sorgentasse Schritt für Schritt gefüllt. Jeder einzelne hat es gegruselt, aber das Pferd konnte sich noch im Griff behalten. Doch der letzte Holzstapel war dann einfach zu viel – die Tasse lief über und das Pferd zeigte eine heftige Reaktion, die der Mensch dann als Explosion wahrnahm.

Wenn die Tasse deines Pferdes voll ist, reicht ein kleiner Reiz, um eine solche Explosion auszulösen. Dabei ist es egal, was genau der Stimulus ist – es kann auch etwas Bekanntes sein.

Aufmerksamkeit wieder holen

Die PN ist ein vielseitig interessiertes Tier, um es positiv auszudrücken. Ab und an ist es deswegen notwendig, seine Aufmerksamkeit und Gedanken zu mir zurückzuholen und ihn daran zu erinnern, dass ich auch noch da bin und er deswegen nicht alleine ist.

Wenn wir zum Beispiel auf einem unbekannten Wegstück gehen und er stehen bleibt und etwas in der Ferne fixiert, lasse ich ihn erst mal stehen und schauen. Oft dreht er dann den Kopf zu mir, guckt, lässt den Hals fallen und marschiert weiter (gern auch mit Tendenz zum nächsten Grasbüschel). Tut er das auch nach etwas Warten nicht, versuche ich die Aufmerksamkeit aktiv zurückzuholen. Dafür schnipse ich mit den Fingern und halte ihm meine Hand zum Andocken hin. Sobald der Kopf herumkommt und er sie berührt, habe ich seine „Oh Gott, hoffentlich werde ich nicht gefressen“-Gedanken unterbrochen und den ersten Schritt zurück in Richtung Entspannung getan. In der Regel kann er ausatmen, den Kopf senken, die Augen werden wieder weich und er bietet sofort an weiterzugehen. Kommt er beim Signal mit der Hand nicht herum, zuppele ich am Seil oder gehe einen Schritt zur Seite, um ihn zu mir zurück zu holen.

Wichtig: Wenn er stehen bleibt, ist das sein Signal für „Ich kann gerade nicht weitergehen“. Dann ziehe ich ihn nicht vorwärts (habe ich ausprobiert, ist keine gute Idee), sondern warte, bis er es wieder selbst anbieten kann.

Auf dem Rückweg. Foto: Isabel Tomczyk Photography

Führposition zuweisen

Auf neuen Strecken will der Herr gerne überholen, auch mal im Trab, um die Landschaft optimal im Auge halten zu können. Im Prinzip darf er vorausgehen – aber die Voraussetzung dafür ist Entspannung. Und die hat er nicht auf neuen Wegen. Deswegen schicke ich ihn in eine etablierte Führposition hinter mir und blockiere seine Überholversuche entweder mit dem Stick oder dem wirbelnden Seilende. Ich gehe vor, er folgt. Nicht auf Höhe meiner Schulter (von da lässt sich nämlich prima der nächste Überholversuch starten), sondern dahinter. Die PN kennt diese Position und verbindet sie mit Entspannung. Gerade in neuer Umgebung gibt sie ihm einen Rahmen vor und eine verlässliche Orientierung. Ab und an sucht er sie sogar selbst auf. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie Regeln Halt geben können und wie wichtig es ist, den Freiraum unserer Pferde bei Bedarf zu begrenzen. Weil wir Menschen rational die besseren Entscheidungen treffen.

Grundlagen

Mit einem Pferd, das die Grundlagen der Halfterführigkeit nicht beherrscht, gehe ich nicht spazieren. Es muss gelernt haben, auf Druck am Halfter nachzugeben und nicht dagegen zu ziehen. Genauso will ich als Voraussetzung haben, dass es sich meiner Geschwindigkeit anpasst und mit mir stehen bleibt, wenn ich anhalte – ohne, dass ich dafür am Strick ziehen muss. Ist mein Pferd auf meine Körpersprache eingestellt, haben wir eine super Basis für draußen gelegt.

Was zuhause klappt…

… muss nicht automatisch funktionieren, wenn ihr draußen unterwegs seid. Klar, eine gute Vorbereitung ist hilfreich. Rechne aber trotzdem damit, dass dein Pferd nicht so schnell wie sonst reagiert, du vielleicht mehr machen musst, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen und es abgelenkter sein wird. Hier gilt: Übung macht den Meister!

Ausrüstung

Ich gehe grundsätzlich mit Knotenhalfter* und Rope* spazieren. Das Knotenhalfter ist einfach unser Arbeitshalfter und mit dem Rope kann die PN auch mal zur Seite springen oder antraben, wenn er das muss, ohne, dass er mich hinter sich her zieht. Warum auf den Fotos ein Stallhalfter drauf ist? Ich glaube, wegen der Farben 😀

Für eine bessere Reichweite und größere Sicherheit kannst du auch einen Stick* mitnehmen. Auf längeren Runden, wenn ich mehr Bewegung plane, nehme ich statt des 3,7-Meter-Seils* das lange mit 7 Metern. Da kann der Herr dann teilweise voraus traben und sogar galoppieren, ohne, dass ich mich groß beeilen muss. Lange Seile bringen uns draußen viel Spaß. Diese Ausrüstung hat sich für uns bewährt – das bedeutet aber nicht, dass das für alle gilt.

Wichtig! Kläre bitte immer mit deiner Pferde-Haftpflicht-Versicherung, welche Ausrüstung mitversichert ist!

Spazieren gehen mit Pferd: So kann’s aussehen

Ein Video von einem unserer Spaziergänge kürzlich.

Monty Roberts
Natural Horsemanship: Aus Fairness zum Pferd*
Mein Buch. Wie im Blog auch schreibe ich über Beobachtungen im Zusammensein mit Pferden, die auch für dich hilfreich sein können.

Herdis Hiller schreibt hier, wie wir Menschen vom Spazierengehen profitieren können. Herdis ist übrigens auch eine unserer #Pfernetzt19-Speakerinnen!

Petra von der Pferdeflüsterei gibt hier Tipps für gediegene Gänge in den Wald.

Warum Spaziergänge so selbstverständlich nicht sind und was man für ruhige Runden tun kann, erfährst du hier bei Wege zum Pferd.

Um Führtraining geht es in diesem Artikel von 360 Grad Pferd.


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