Das ist die Basis von gutem Horsemanship

Was ist das Wichtigste im Umgang mit dem Pferd? Fairness, Geduld, Führungsstärke?
Die richtige Technik oder die richtigen Übungen?

Ich finde, das alles (und noch einiges mehr) spielt hinein, aber die Basis bildet etwas anderes: Diese Basis ist unser Bewusstsein, unsere Aufmerksamkeit. Und zwar nicht nur für die großen, sondern vor allem für die kleinen Dinge. Für die Nuancen in der Körpersprache – und zwar unserer eigenen und derjenigen des Pferdes.

Wenn wir unser Bewusstsein schärfen für unsere eigenes Verhalten und das unseres Pferdes und uns beide beobachten, dann sammeln wir Informationen. Und auf deren Grundlage können wir gute Entscheidungen treffen – also solche, die unser Training und unsere Beziehung voranbringen.

Deswegen würde ich euch empfehlen, immer mal wieder Einheiten zu planen, in der euer Fokus nur auf dem Beobachten und Fühlen liegt. Setzt euch keine Ziele außer Aufmerksamkeit und genaues Hinsehen. Das ist sinnvoll, egal ob ihr Horsemanship-Einsteiger oder längst versiert seid. Gut genug kann man gar nicht beobachten 🙂

Ihr müsst dabei nichts tun, ihr braucht nur euer Pferd. Stellt euch dann folgende Fragen.

 

Pferde verstehen, Aufmerksamkeit, Beobachten, Basis Horsemanship
Beide Pferde sind aufmerksam –
konzentrieren sich aber auf
unterschiedliche Dinge. Ich stehe zwar
mit angewinkeltem Bein, mein Oberkörper
hat aber dennoch eine gewisse Spannung.
Foto: Marko

Was mache ich mit meinem Körper? Bin ich angespannt? Oder entspannt? Wie atme ich? Wie halte ich meine Arme und Beine? Wie halte ich das Seil? Schaue ich das Pferd an, oder kann ich spüren, wo es ist und was es tut, ohne es sehen zu müssen?

Wo stehe ich zum Pferd? Stehen wir nah beieinander? Fühle ich mich bedrängt? Stehe ich vor dem Pferd, seitlich oder eher am Widerrist? War unsere Position gleich oder hat sie sich verändert? Wohin zeigt mein Bauchnabel?

Was macht das Pferd? Steht es entspannt? Will es sich bewegen? Wo schaut es hin? Wie trägt es seinen Kopf? Passt es sich meinen Bewegungen an? Orientiert es sich an mir?

Ich finde es erstaunlich, wie viele Beobachtungen man machen kann, obwohl (oder besser weil) man gerade aktiv nichts tut.

Auf der Clinic mit Leslie Desmond im letzten Jahr wies Leslie eine Teilnehmerin an (die auch gerade neben ihrem Pferd stand), ihr Gewicht auf das andere Bein zu verlagern – also jenes, das dem Pferd abgewandt war. Kaum hatte sie das getan, senkte das Pferd den Kopf und schnaubte ab. Wir unterschätzen die Bedeutung solcher Details – wenn wir sie denn überhaupt wahrnehmen.

Wenn ihr das gemeinsame Stehenbleiben untersucht habt, könnt ihr eure Beobachtungen natürlich auch auf andere Aufgaben ausweiten. Im Stehen ist es am einfachsten, weil ihr eure volle Konzentration auf das Beobachten richten könnt. Verlangt ihr etwas anderes vom Pferd, kommen eure Multitasking-Fähigkeiten zum Tragen.

Dabei ist es am Anfang zweitrangig, welche Fragen du dir stellst und welche Antworten du erhälst. Es geht auch noch nicht darum, diese Antworten zu hinterfragen und zu bewerten.
Wichtig ist erst einmal, dass du beginnst dich und dein Pferd in verschiedenen Situationen zu beobachten. Über die Zeit entwickelt sich daraus eine Gewohnheit, und irgendwann macht man das unbewusst.

Basis von gutem Horsemanship*

 

Gerade beim Führen will ich wissen (fühlen), wo das Pferd läuft, ohne mich ständig nach ihm umdrehen zu müssen.
Pat Parelli sagt seinen Schülern dann gern: „Don’t look back, he won’t change color“ („Drehe dich nicht um, dein Pferd wechselt nicht die Farbe“). Und Leslie Desmond weist darauf hin, dass ein Mensch, der sich ständig umdreht, beim Pferd Zweifel säet, ob er wirklich weiß, wo er hinwill.
So schwierig ist es auch gar nicht, zu spüren, wo das Pferd gerade hinter einem läuft – wenn man sich denn darauf konzentriert (und da wären wir wieder bei der Aufmerksamkeit): Man kann aus den Augenwinkeln schauen, auf den Hufschlag horchen, den Schattenwurf auf der Straße beobachten oder die Grenzen der eigenen Blase erspüren und nachfragen, ob die gerade unterwandert wird.

Wie steht’s mit eurer Aufmerksamkeit? Habt ihr euch mal Gedanken über das Thema gemacht und bewusst Hinsehen und Hinspüren geübt? Oder habt ihr das verinnerlicht und macht es automatisch?

 

Basis von gutem Horsemanship

Natural Horsemanship: Aus Fairness zum Pferd*
Klar, geht auch mein Buch um gutes Horsemanship.

Dieser Beitrag von Pferde-Menschen-Dialoge dreht sich auch um das genaue Hinsehen. Die Autorin empfiehlt sogar, die Beobachtungen aufzuschreiben.

Tanja von TashHorseExperience ist eine Expertin in Sachen Beobachten und sich zurücknehmen. Diese drei ihrer Texte passen sehr gut zum Thema, finde ich:
1. Sei im Moment, so fühlst du wie ein Pferd
2. Wenn sich Ideen nicht treffen
3. „Ich fühle dich, fühlst du mich auch

 

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