Muli-Reiten mit Warwick Schiller – ein Kursbericht

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Muli Chari gibt sich wenig beeindruckt. Foto: Marko

Hier ist er, mein Erfahrungsbericht vom Seminar mit Mulistute Chari unter den Augen von Horseman und Trainer Warwick Schiller.

Als Reiter füllt man im Vorfeld eines Kurses eine Erklärung aus, die den Trainer von sämtlicher Haftung entbindet. Ich habe schon nicht schlecht gestaunt, dass darin nicht nur die diversen Formalia abgehandelt, sondern auch mehrfach darauf hingewiesen wurde, dass wir doch nicht zu sensibel auf Warwicks Äußerungen reagieren sollen, dass er nicht beabsichtige jemanden bloßzustellen, aber eben auf Fehler hinweise, damit alle etwas lernen können. Das las sich nicht gerade so, also wäre der Cowboy ein großer Pädagoge.

Meine Bedenken – ja, ich bin sensibel! Und nein, ich kann das nicht einfach abstellen! – begannen sich aber bereits bei den ersten Begegnungen mit Warwick zu zerstreuen: Am Vorabend der Clinic (so nennt der Amerikaner ein Reitseminar) habe ich ihn nämlich beinahe über den Haufen geritten, und das kommt einem Worst-Case-Szenario (Stichwort: guter erster Eindruck) schon sehr nah. Wir kamen von einem spontanen Kennenlern-Ausritt zurück, und Warwick stand mit einer kleinen Gruppe Leute vorm Eingang der Reithalle. Ich leitete zwei Meter davor den Bremsprozess ein, aber Chari fand die Gruppe interessanter und kam direkt zwischen den Leuten zum Stehen – gefühlt auf Warwicks Zehen. „Da haben wir dann ja etwas, woran wir arbeiten können“, meinte jemand aus der Gruppe. „Hell, yes,“ meinte ich.

Eigentlich hätte mir das Ganze ziemlich peinlich sein können – war es aber nicht. Ich hatte mit Warwick bisher zwar außer einem „Hi“ beim Losreiten kein Wort gewechselt, aber direkt das Gefühl, dass das passen wird. Der Cowboy wirkte unkompliziert und freundlich – auch noch mit der Muli-Nase unter der Hutkrempe.

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Wir arbeiten auf dem Zirkel (hui, ich mag diese Muli-Ohren). Foto: Marko

Chari, das heißt Charina, ist 17 Jahre alt – ihr Vater war ein Esel, die Mutter eine Andalusierstute. Wirklich viel gemacht wurde bisher nicht mit ihr, sie stand lange Zeit untätig auf einem Hof, weil die Vorbesitzer Angst vor ihr hatten. Jetzt lebt sie bei Wolfram und Christine, leistet deren Stute Milou Gesellschaft und wird zum Reitmuli ausgebildet. Den Reiter trägt Chari schon mit stoischer Gelassenheit, und auch meinen Anfragen nach mehr Tempo folgte sie bereitwillig. Unsere Lenkung war allerdings stark verbesserunswürdig, die Bremsbereitschaft minimal und auch die laterale Biegung (also die Biegung im Hals) nicht wirklich abrufbar.

Warwicks erste Reaktion, als wir beide dann am Seminar-Samstag zum ersten Mal in die Halle kamen: „Oh, we have a mule!“ Charis erste Reaktion: Die Qualität des Sands testen und sich genüsslich wälzen. Warwicks Meinung, nachdem er ein paar Minuten mit Chari gearbeitet hat: „She is such a nice mule“! (Irgendwo auf Facebook müsste ein Selfie von ihm zwischen zwei langen, weißen Muli-Ohren zu finden sein). Chari ist in der Tat ein sehr nettes Muli. Unerschütterlich gelassen, aber dabei lernwillig und schnellst von Begriff. Vom gefürchteten Eselanteil habe ich nichts gemerkt – wobei Warwick schon darauf hingewiesen hatte, dass Mulis, anders als manche Pferde, Ungerechtigkeit nicht tolerieren.

Zunächst: die Fokus- und Balance-Übung

 

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Warwick demonstriert „Feel“ am Seil. Foto: Christine

Ich habe Chari eingangs im Kreis um mich herumgehen, dann ihre Hinterhand herausgeschickt und sie die Richtung wechseln lassen. Ziele dieser Übung (im Schiller-Jargon heißt sie Focus-and-Balance-Exercise) unter anderem: Das Pferd lernt, nach innen zu schauen (weil die Richtungswechsel mit dem Kopf Richtung Mensch stattfinden), es lernt in den Wechseln mehr Gewicht auf die Hinterhand zu bringen und die Vorhand herum zu schwingen, und es lernt, dem Gefühl am Seil zu folgen und nachzugeben, da dieses jeden Richtungswechsel vorbereitet und einleitet.

Gutes Horsemanship basiert auf einem soliden Fundament

Ich dachte eigentlich, dass wir schon ganz gut unterwegs waren, bis Warwick Chari übernahm. Während ich mehr Tempo von ihr gefordert, aber nicht immer erhalten hatte, arbeitete er zunächst daran, dass sie bei jedem Herausschicken auch tatsächlich ordentlich auf Abstand geht und auf die erste Hilfe (erst die Hand am Seil, dann die Verstärkung mit der Flagge und dem Körper) reagiert. Chari bot nach wenigen Wiederholungen von selbst mehr Tempo an und kam automatisch in den Wendungen auf die Hinterhand. Ich war also zu schnell darin gewesen, mehr von ihr zu fordern, hatte aber die Basis dafür noch nicht richtig gelegt.

Ich glaube, dass gutes Horsemanship allgemein genau so funktioniert wie schon diese ersten, grundlegenden Übungen: Wenn das Fundament korrekt gelegt wurde, kann man darauf die Folgeschritte leicht aufbauen, ohne sie drillen zu müssen. Sie ergeben sich von allein, weil das Pferd bereit für sie ist und sie als logische Folge anbietet.

Unter seinem Niveau? Nicht mit Warwick!

Kennst du das, wenn du mehrere hundert Euro für einen Kurs ausgegeben hast, der Trainer dir aber nur einen unverhältnismäßig kleinen Teil seiner Zeit schenkt? Weil ein paar andere deutlich weiter sind als du, vielleicht schickere Pferde haben oder du ihm einfach nicht symphatisch bist? Er gnädig ein paar Sätze mit dir wechselt, einen Tipp gibt, um sich dann 30 Minuten lang euphorisch mit einem anderen Reiter auszutauschen? Ich weiß, wie sich das anfühlt, und ich kann es nicht ausstehen. Seminare (mit großen Namen in der Pferdeszene und Publikum) sind immer schon aufregend genug, auch ohne dass man vom Trainer vermittelt bekommt, unter seinem Niveau zu sein. Mit Warwick Schiller wird dir das nicht passieren.

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Warwick versucht, mich zu verjagen. Foto: Marko

Wir haben am ersten Tag nicht besonders viel gemacht, und ich hatte auch eher das Gefühl, Charis Reaktionsfreudigkeit zu verschlechtern als zu verbessern, nachdem ich sie von Warwick übernommen hatte. Also haben wir durchaus Zeit wenig produktiv mit Stehen verbracht. Und Warwick nutzte das dann eben, um laterale Biegung im Hals zu demonstrieren und mir alle Fragen rund um Feel und Nachgeben am Seil zu beantworten. Er urteilt nicht (und wenn er es doch tun sollte, dann habe ich es nicht mitbekommen), und ich habe mich keine Sekunde kritisiert gefühlt, sondern immer geholfen – auch dann, wenn er meine Fehler für das Publikum aufdröselte. Trotz Zuschauern und fremdem Muli in unbekannter Umgebung habe ich mich gefühlt wie Zuhause. Bei einem Trainer, der mir weiterhelfen will, der sich in mich reindenkt und die Zeit nimmt, die es braucht.

Mittagspause? Überbewertet

Im Englischen gibt es diesen Ausdruck „go the extra-mile“ – also, noch mal eine Schippe drauflegen, und genau das tut Warwick für die Reiter und das Publikum. Der Mann redet in einem fort (ohne zu labern), und auch, als ich vormittags in der Zuschauerreihe sitze, fühle ich mich immer angesprochen und irgendwie auch geschätzt. Mittagspausen sind zwar angesetzt, finden aber nicht statt. Das Chefschnitzel isst der Chef verspätet in der Hocke an die Bande gelehnt. Und nach zehn Stunden Seminar ist er auch in den letzten Minuten beim letzten Teilnehmer noch genauso enthusiastisch wie bei der ersten Vorstellungsrunde am Vortag.

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Laterale Biegung mit gutem Gefühl (und wieder diese Ohren). „STTDP!!!“ steht übrigens für „stick to the damn plan“, also „halte am verdammten Plan fest“. Foto: Marko

Mein Tag zwei in Kurzfassung: Ich will die Zirkelübung verbessern und mehr Energie ins Muli bekommen. Dafür fordert mich Warwick auf, zunächst mal ihn mit der Flagge wegzuschicken. Keine Chance, der Cowboy hält seinen Stand, wenn man nicht überzeugend genug ist. Ich dagegen mache ziemlich schnell Platz, als er im Gegenzug auf mich zukommt. Damit habe ich die Antwort auf mein Energieproblem.

Weiter arbeiten wir sehr viel an lateraler Biegung auf ein feines Signal (auf das Ergebnis war ich schon stolz – und ich glaube, Warwick fand es auch super), ein bisschen an Hinterhandweichen und viel an einem guten Vorwärts aus dem Stand. Im zweiten Anlauf schießt Chari auf ein Vorwärtsrollen der Hüfte meinerseits vorwärts. Mulis sind krass.

Diesen zweiten Seminartag habe ich echt genießen können. Mit Warwick dagegen hätte ich nicht tauschen wollen. Gerade die Vormittagsgruppe mit einem verladeunwilligen Vollblut, einem hoch erregten jungen Hengst und einem ängstlichen Springer mit massivem Scheuproblem in Kombination finde ich heftig, und auch ein Profi kann sich eben nicht verteilen, wenn es aus jeder Ecke „Warwick!!!“ ruft.

Solide Basisarbeit zahlt sich aus

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Laterale Biegung und die Details der Zügelführung. Foto: Marko

Nachmittags dagegen galoppiert Teilnehmerin Jo ihren Asphodel, einen jungen Connemara-Wallach, der im März aus Irland zu ihr kam, ohne Kopfstück um uns andere herum. Es ist erst der 12. Ritt für dieses Pferd. Anschaulicher kann man die Früchte für eine solide Basisarbeit nicht ernten. Das absolute Highlight der Clinic – inklusive Freudentränen und Applaus.

Wenn du also die Chance haben solltest, ein Seminar mit Warwick anzuschauen, dann nutze sie. Das Publikum ist Teil der Show, und Warwick versteht es, Wissen zu vermitteln, die Zuschauer einzubinden und dabei gleichzeitig zu unterhalten. Oder würdest du damit rechnen, dass ein Pferdetrainer sein gesamtes Publikum als Lügner enttarnt und dieses es ihm nicht einmal übel nimmt? (Pferde sind ehrlich, Menschen dagegen versuchen sich im besten Licht darzustellen und verändern mit gefärbten Haaren, Deo oder Schminke ihr wahres Aussehen und ihren wahren Geruch). Willst du mitreiten, dann würde ich  empfehlen, dich im Vorfeld mit seiner Methodik und seinen Ansätzen auseinanderzusetzen, um möglichst viel mitnehmen zu können.

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4 Kommentare

  1. Ein ganz ganz toller Kursbericht! Danke dafür! War total interessant.
    Beim lesen hab ich auch öfters gedacht, das hätte jetzt ich sein können =)
    Da hast du Recht, dass wir uns oft selber im Weg stehen nur weil wir in gutem Licht da stehen wollen und zu oft überlegen was die anderen von uns denken anstatt aufs Pferd und unser Bauchgefühl zu hören. Daran sollten wir am meisten arbeiten, habe ich das Gefühl…

    • Vielen Dank für Lob und Kommentar! 🙂 Ich muss sagen, dass es mir in letzter Zeit gut gelingt mich von den Erwartungen anderer freizumachen – momentan sind es meine eigenen Erwartungen an mich, die mich am meisten quälen. Perfektionisten eben… VG!

  2. Liebe Nadja,
    so oft wir über unsere perfektionistischen Stolpersteine fallen – irgendwie beginne ich den Teil von mir auch zu mögen. Es gibt keinen anderen Bereich in meinem Leben den ich so schütze und pflege und in dem ich stetig besser werden möchte. Das zeugt doch davon, dass wir unsere wahre Leidenschaft kennen und wie viele Menschen gibt es, die ihre große Leidenschaft niemals entdecken. Die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben ist eben der nächste Schritt nach dem "Erwartungen der anderen Menschen erfüllen wollen". Irgendwann sind wir dann vielleicht soweit "nur noch" die Erwartungen des Pferdes erfüllen zu wollen.. hihi! 😉

    • Huhu, danke für deinen Kommentar – ich freu mich immer, von dir zu lesen 🙂 Es ist beruhigend zu lesen, dass du dich mit deinem Perfektionismus arrangieren kannst – dann weiß ich, dass es möglich ist. Für mich ist er nämlich ehrlich noch ein riesiges Hindernis, weil aus ihm die Angst vor Fehlern resultiert, und die kann lähmend sein. Auf der anderen Seite kann ich stolz sagen, dass mich die Erwartungen der anderen nicht mehr wirklich berühren, das konnte ich ablegen (ich meine die Erwartungen von Leuten, die mir nichts bedeuten). Und dem Pferd gerecht zu werden, da hast du Recht, das ist das absolute Ziel (und wenn wir das schaffen, dann sind wir auch wieder mit uns selbst versöhnt). VG!

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