Warum das best ausgebildete Pferd nichts bringt…

Es gibt so ein paar Verhaltensweisen, die wollen mir nicht ins Hirn. Eine davon: Pferd steht schräg auf der Stallgasse, Mensch will es herumdrehen. Mensch geht mit Energie auf die Hinterhand zu und klatscht dem Pferd die flache Hand auf den Hintern. Pferd zuckt zusammen und bleibt stehen. Mensch schiebt und drückt und flucht und wundert sich, warum das Pferd keinen Zentimeter weicht und sich stattdessen gegen den Druck der Hand stemmt. In diesem Fall handelt es sich um ein Pferd, dass ich selbst mitausgebildet habe und weiß, wie fein es reagieren kann. Allerdings braucht es dafür einen Menschen, der auch fein (=höflich) fragt.

 

… wenn der Mensch ein paar grundlegende Dinge nicht begreift

Ich finde es erstaunlich, dass wir Menschen Höflichkeit und gutes Benehmen von anderen (Mensch wie Tier) einfordern, aber uns gerade gegenüber Pferden in vielen Fällen benehmen wie besoffene, ausfällige Dorfdeppen. Und uns dann wundern, warum wir eine adäquate Reaktion vom Tier (die körpersprachliche Entsprechung eines ausgestreckten Mittelfingers) erhalten. Und das Tier dann noch für unsere eigene Unfähigkeit bestrafen. Mann, Mann, Mann.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Gegendruck des Pferdes in den meisten Fällen auf eine falsche Anfrage unsererseits beruht. Das Pferd kann sich mental nicht schnell genug auf unsere Hilfe einstellen, wir erhöhen den Druck viel zu schnell, und dann bleibt dem Pferd als einziger Ausweg, dagegen zu gehen. Am Anfang mit weniger zu beginnen, als man glaubt, dass nötig ist, lässt viele Probleme erst gar nicht entstehen.

9 Kommentare

  1. Hi Nadja, das erinnert mich sehr an ein Gespräch, dass ich mal mit einem Pferdetrainer hatte. Der – genau wie Du – meinte: Wir wollen, dass die Pferde uns gegenüber respektvoll und höflich sind? Dann sollten wir das unseren Pferden gegenüber auch sein. Das ist mir immer im Kopf geblieben und so absolut richtig. Den Gedanken kann man dann weiterspinnen: Wir wollen nicht, dass unsere Pferde uns Druck machen oder angreifen oder wütend nach uns ausschlagen, dann sollten wir "das" auch nicht tun .. und und und aber ich denke, dass so viele Menschen, genau darüber nicht nachdenken. Wie auch sonst in der Gesellschaft wollen viele haben und haben und haben, fragen nach dem Nutzen für Sie und nicht unbedingt immer danach, wie sie eigentlich sein müssten. Lange Rede, kurzer Sinn 😉 ein toller Post! Liebe Grüße, Petra

  2. Danke! Ich finde es echt traurig, wie wenig Selbstreflexion im Umgang mit dem Pferd nach wie vor vorherrscht. Das lässt sich beliebig weiterspinnen – etwa, wenn es um Pferdehaltung geht. Man will ein ausgeglichenes, arbeitswilliges und motiviertes Pferd, sperrt es aber 22 Stunden am Tag in die Box und wundert/ärgert sich dann, wenn es nicht "funktioniert". Aber zum Glück tut sich ja was 🙂

  3. Harhar, sehr treffend geschrieben! Wenn man feine Antworten möchte, muss man halt auch fein fragen. Oder zumindest halbwegs geschickt 😉

    • Hallo liebe Nadja,
      habe diesen Artikel gerade erst entdeckt. Wirklich sehr gut und zutreffend geschrieben! Wir Menschen sind manchmal viel zu arrogant und müssen, wie du schreibst, lernen zu reflektieren. Ich hoffe, mehr und mehr Reiter und Pferdebesitzer tun dies bald auch. Denn die Kommunikation mit Pferden kann eigentlich ganz einfach sein… 🙂 Danke für diesen ehrlichen Beitrag und alles Liebe,
      Line

    • Danke – für Lob und Kommentar! Ich glaube, dass die Reitszene insgesamt auf einem sehr guten Weg ist. Kann zwar nicht schnell genug gehen, aber immerhin tut sich was. Pferdetraining und Haltungsbedingungen haben sich in den letzten 10 Jahren deutlich verändert – zum Glück! VG! Nadja

  4. Liebe Nadja, ein toller Artikel, den ich mir zu Herzen genommen habe. Ich glaube ich war auch voher schon höflicher als die meisten anderen, aber manchmal passiert es eben doch. Man ist unaufmerksam und gedankenlos und vergisst höflich zu fragen. Und wundert sich dann, dass man Gegendruck statt der gewünschten Reaktion erhält. Ich habe in letzter Zeit mal genau darauf geachtet und ich bin auch nicht frei davon. Jetzt bin ich dazu übergegangen mich wirklich darauf zu konzentrieren, auch wenn ich nur eine Kleinigkeit von meinem Pferd möchte. Manchmal frage ich sogar (also ich spreche es wirklich aus) und das wirkt Wunder. Meine Lehrerin versucht mich bei der Bodenarbeit auch immer dazu zu bringen mehr zu sprechen. Das ist zwar eigentlich nicht so mein Ding, aber sie hat recht: Es funktioniert. Man fokussiert sich dann nämlich selbst auf das was man möchte und sendet allein dadurch schon entsprechende Signale. 🙂

    • Danke fürs Feedback! Ich bin überzeugt, dass unsere Pferde uns vergeben, wenn wir mal unfreundlich sind – nur die generelle Grundhaltung sollte halt schon stimmen. Ich ertappe mich ab und an dabei, wie ich "zuuuuh-rück" oder "move your feet" zu einem Pferd sage. Auch nicht, um ein Kommando zu geben, sondern wie du schreibst, um mich zu fokussieren. Wobei ich es auch total genieße, wie im Falle vom Projektwallach, eine Stunde lang gar nichts zu sagen, und trotzdem zu kommunizieren. VG!

  5. hi, ein alter artikel – aber ich möchte doch noch meinen senf dazugeben. und ja – du hast recht, wir verlangen präzises feines arbeiten der pferde und klatschen dann einfach drauf. da stimm die balance überhaupt nicht. ein kleine freundliches antippen mit den fingersptitzen reicht bei einem fein erzogenem pferd. es wird willig auf die seite gehen.
    aber eine interessante bemerkung möchte ich zum anklatschen machen. das pferd ist von natur aus auf gegendruck eingestellt und wir müssen dem 4beiner erstmals zeigen was nachgeben heißt – denn es ist gegen seine natur. würde das pferd von natur nachgeben hätte es einen gewaltigen nachteil: beisst das raubtier zu und das pferd weicht dem druck, wird ihm ein teil der haut, fleisch, etc. herausgerissen. geht das pferd jedoch gegen den druck, kann „nicht abgebissen werden“ und das raubtier wird nochmals zum beißen ansetzen, was dem pferd eine minimale chance zur flucht bietet. wenn man dies im hintergrund behält, wird man sicher nicht mehr sagen: blöder gaul, geh auf die seite! finde ich einen hochinteressanten ansatz – und – zeigt mir, wievielen misverständnissen die pferde ausgesetzt sind. es wird viel leckerlie gekauft, viel zubehör, viele reitstunden – aber wer interessiert sich wirklich für die psychologie des pferdes, wer hat sich schon mal zu seinem pferd in die box oder auf die koppel gesetzt und sein pferd einfach nur beobachtet und somit kontakt aufgenommen – nicht viele – aber es werden immer mehr ;-))

    • Hi Christoph, danke für deinen Kommentar. Das mit dem Gegendruck als Schutz vorm Nachbeißen habe ich auch mal irgendwo gelesen – und das ist ja auch sinnvoll. Ich bin da ganz bei dir: Wir erwarten so viele widernatürliche Dinge vom Pferd und beschweren uns dann, wenn es nicht sofort klappt. Statt mal zu überlegen, was Gehorsam fürs Pferd eigentlich bedeutet: nämlich das Ignorieren seines Instinktes und das Vertrauen darauf, dass wir ihm nichts tun werden. Ich bin zurzeit auch ziemlich frustriert, weil ich einige Pferde mit Problemen sehe, wo die Menschen nach meiner Interpretation einfach Tomaten auf den Augen haben. Da wird dann mit Ausbindern longiert um ein Durchgehproblem zu lösen, da wird eine Reitstunde nach der anderen absolviert, aber das Pferd lernt dennoch nicht, sich besser und sicher zu fühlen. Und das ist doch eigentlich der Kern von allem: Dem Pferd zu zeigen, dass es sicher bei uns ist.

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