Rezension: " Pferde verstehen " aus dem FN-Verlag

Das Grundlagenwerk der FN zum Thema Bodenarbeit heißt wie mein Blog: „Pferde verstehen“. Ich weiß noch, dass ich mich vor etwa zwei Jahren durch das Buchangebot des FN-Verlags geklickt und ziemlich erstaunt festgestellt habe, dass es rein gar nichts zum Thema Bodenarbeit gab, was über das Longieren oder den täglichen Umgang mit dem Pferd hinausging (was dann Putzen, Führen und Satteln beinhaltet).“Pferde verstehen – Umgang und Bodenarbeit“ war also mehr als überfällig und ist in erster Auflage im vergangenen Jahr erschienen. Es ist an der Zeit, dass sich die FN der Bodenarbeit annimmt und ihren Wert anerkennt, und das Buch leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Dank Christoph Hess, der mit Linda Parelli zusammenarbeitet, scheint sich der Verband auch mehr dem Horsemanship zu öffnen. Ich bin gespannt, wie es weiter geht

FN Grundlagen Pferde verstehen

So sieht es aus – das Grundlagenwerk der FN zum Thema Bodenarbeit. Foto: Nadja

Das Buch jedenfalls hält, was es auf dem Cover verspricht: Es gibt Einblicke in Verhalten, Sinneswahrnehmung und Lernfähigkeit des Pferdes – und das Ganze kombiniert mit Praxisübungen, also Bodenarbeit und Führtraining.

 

Eine seelenvolle Hommage an die Natur des Pferdes erwartet bei diesem Titel keiner: Das Buch nähert sich der Natur des Pferdes durch die Brille der Wissenschaft und hält durchgängig einen analytisch-distanzierten Blick auf die Materie, was es ab und an etwas umständlich zu lesen macht. Gerade die ersten beiden Drittel, die sich mit Sinnen und Lernverhalten des Pferdes beschäftigen, basieren und verweisen auf die Forschung und bieten einen sehr guten und umfassenden Überblick.Besonders erfreulich: Die Autoren kauen kein Wissen wieder, das jeder, der mehr als einmal einen Fuß in einen Stall gesetzt hat, im Schlaf herunterbeten kann (mittlerweile sollte in den meisten pferdeinteressierten Köpfen angekommen sein, dass Pferde Herden- und Fluchttiere sind). Stattdessen erhält der Leser konkretere Informationen und mehr biologische Details: Etwa, das Pferde sehr gut im Dunkeln sehen und stark auf Farb- und Helligkeitskontraste reagieren. Dass sie die Fähigkeit besitzen zu generalisieren, also zum Beispiel eine bestimmte Hilfe auf verschiedene Menschen und Situationen zu übertragen. Und dass sie durchaus in der Lage sind, aus schlampig gegebenen Hilfen die Absicht des Menschen herauszulesen.

Das Fass der Dominanztheorie macht das Buch übrigens nicht auf. Das Pferd erkennt den Menschen als Teil seiner Gruppe, und der Mensch soll dabei die ranghöhere Position einnehmen, so der Rat der Autoren.

Nachdem Natur und Lernfähigkeit des Pferdes erläutert sind, befasst sich das letzte Drittel des Buches mit den Praxisübungen. Es ist vor allem für diejenigen interessant, die Interesse haben, die Bodenarbeitsprüfungen der FN abzulegen, und legt detailliert dar, welche Übungen mit welchen Signalen welche Ziele verfolgen.Diese Genauigkeit hat Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite weiß der Leser dank der präzisen Ausführungen, welche Handgriffe er verrichten muss. Auch gelingt den Autoren der Übertrag aus der Wissenschaft in die Praxis. Beispielsweise im Kapitel, das erklärt, wie man dem Pferd das Erlernen neuer Hilfen leicht macht (nämlich indem man verschiedene Sinne anspricht, das Signal immer gleich gibt, anfangs sogar am gleichen Ort, und es aussetzt, wenn das Tier reagiert). Die Autoren machen auch deutlich, dass sich Pferde im Zweifelsfall eher an optischen Reizen, also unserer Körpersprache orientieren als an Stimmsignalen, und dass es unsere Aufgabe ist, unseren Körper gezielt und verständlich einzusetzen.

Auf der anderen Seite gehen bei den Anleitungen der Hilfen die wichtigsten Ansätze unter oder werden nicht genug herausgearbeitet: Pause, wenn das Pferd etwas richtig macht (und zwar absolutes Aussetzen der Hilfen, gerade am Anfang) sowie immer ein leichtes Signal am Anfang und ein deutlicheres, wenn das Pferd nicht reagiert.

Der Hinweis, dass die Hilfen reduziert werden, ist gut aber nicht genug, und so sind mir auch die dargestellten Vorgehensweisen zu absolut und zu genormt. Sie erinnern mich an eine Gebrauchsanweisung für das Pferd: Wenn du folgende Knöpfe drückst, soll das Pferd sich so verhalten. Und wenn das Pferd nicht so funktioniert, wie erwünscht, dann frage man einen erfahreneren Pferdemenschen. Und so steht der Leser im Falle von Problemen alleine dar.

 

FN Pferde verstehen

 

Auch aus ihrer Rolle des Mahners kann die FN nicht heraus: Eine gewisse Grundvorsicht schwingt mit, unter anderem mit Ratschlägen, nicht direkt hinter dem Pferd zu gehen oder hektische Gesten zu vermeiden.

Aus Horsemanship-Sicht würde ich genau das Gegenteil empfehlen: Härtet eure Pferde ab, so dass es sie nicht mehr stört, wenn ihr mit den Händen wedelt oder den Schweif verlest.

Es ist also nicht der Geist des Horsemanship, der dieses Buch durchdringt, sondern der Geist des deutschen korrekten Reiters, der auch am Boden präzise einwirken und kontrollieren will.

Auch deswegen wundert es mich nicht, dass ich inhaltlich mit einigen Aussagen nicht übereinstimme, vor allem dann nicht, wenn diese stark verallgemeinern. Zum Beispiel: Wenn das Pferd wegschaut, muss man es ansprechen, um die Aufmerksamkeit wieder zu erlangen (nicht unbedingt. Man kann auch einfach das Seil verkürzen und den Kopf wieder herholen). Oder: Korrekte Seitengänge sind nur mit zwei Zügeln und damit einer Begrenzung des Pferdes von außen möglich (nein. Wenn man genug „Draw“ etabliert hat, das Pferd also mit seiner Körpersprache zu sich ziehen kann, kontrolliert man auch die Außenseite des Pferdes).

Ich könnte noch einige andere Punkte aufführen, aber das sprengt zum einen den Rahmen. Und zum anderen verfolgt die FN mit ihrer Form der Bodenarbeit ein anderes Ziel mit einer anderen Philosophie. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass ich durchaus Schnittmengen finden kann, aber eben auch Gegensätze.

 

Fazit:

  • Die Stärken des Buches liegen in den geballten Fakten zu Wesen und Sinnen des Pferdes 
  • Der wissenschaftliche Anspruch lässt die Sprache relativ hölzern klingen. Mit der Präzision der Worte geht oft eine gewisse Umständlichkeit einher.
  • Der Praxisteil ist nur interessant für Prüfungsinteressierte. Er fokussiert auf Techniken. Horsemanship und dessen Philosophie sucht man auch zwischen den Zeilen vergebens.

 

Alles in allem gibt es von mir 3 Möhren für dieses Grundlagenwerk.

FN Pferde verstehen

Pferde verstehen

Das Buch erhaltet ihr hier direkt beim Verlag.

Natural Horsemanship: Aus Fairness zum Pferd*
Wenn ihr euch für reales, gutes Horsemanship jenseits von Techniken interessiert, lest besser mein Buch.

Interesse an meinen anderen Rezensionen? Durchgelesen und bewertet habe ich bisher Monty Roberts „Die Sprache der Pferde“ und Britta Reilands „Bodenarbeit und Führtraining“.

— Mein Dank geht an den FN-Verlag, der mir das Exemplar für die Rezension zur Verfügung gestellt hat —

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