Früher war alles besser! Tatsächlich? Eine Antwort

Der heutige Post ist eine Antwort. Und zwar auf diese Kolumne. Darin geht es um den Wandel der Kultur im Stall und in den Reitstunden. Über den Einfluss von Online-Experten und den Mangel an Disziplin und Durchhaltevermögen. Und die Empfehlung, sich doch mal auf alte Werte und Vorgehensweisen rückzubesinnen. Soso. Dann machen wir das mal.

Früher war alles besser. Was auf den Rest der Welt zutrifft, muss natürlich im Reitsport auch so sein.
Will man reiten lernen, geht man in den Reitverein. Gibt schließlich keine Alternativen. Westernreiter? Alles Pseudo-Cowboys. Außerdem, und das lernt man direkt, ohne überhaupt danach gefragt zu haben, machen diese langen Bremswege beim Stoppen und das Drehen auf der Stelle die Gelenke der Pferde kaputt.

Als Dressurreiter zwängt man sich standesgemäß in Karotten-Stretch-Reithosen, die das Hinterteil so vorteilhaft in Erscheinung treten lassen wie verkrustete Schmutzflecken das Fell des Schimmels. Aber Jodpurs verkauft kaum einer. Außerdem kriegt man die nicht in den Stiefelschaft. Und hier trägt die eh keiner. Dann müssen sie uncool sein.

Das Pferd holt man aus dem Ständer. Falls man das Pech hat, dem verhaltensgestörten Exemplar zugewiesen worden zu sein, hofft man, dass man heil am Kopf ankommt. Dann doch lieber zum halbtoten Pauli – den bekommt man zwar unterm Sattel nicht vorwärts, aber dafür läuft man nicht Gefahr, dass einem zwischen Ständerwand und Pferdebauch Platz und Luft zum Atmen ausgehen. Oder dass man intensivere Bekanntschaft mit den Hufeisen der Hinterbeine macht, als einem eigentlich lieb ist.

Apropos: Hufeisen gehören ans Pferd, keine Frage! Barhuf? Was ist barhuf?

 

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Freiheit! Im Geiste wie im echten Leben
(und ja, wir reiten mit Knotenhalfter im Gelände. Bu!). Video: Nadja

Dann wird geputzt. Kein Stäubchen mehr auf dem glänzenden Pferdefell, und bloß aufpassen, dass kein Strohhalm mehr im Schweif hängt! Die Qualität des Pferdelebens steht und fällt mit der Sauberkeit seines Fells. Die Optik muss stimmen, der Anschein von Ordnung gewahrt bleiben. Zwar schon komisch, dass man sich über die mangelnde Ausführung des Putzens mehr aufregt als über die mangelnde Qualität beim Reiten – Zügel ziehen, Spornieren, Einrollen, alles kein Thema. Aber gut. Das ist eben so.

Geführt wird immer von links und immer maximal 20 Zentimeter unterhalb vom Pferdekinn. Schön festhalten die Zügel und schön straff der Strick – nicht, dass das Pferd durchgeht. Das muss man immer unter Kontrolle haben.
Klar, dass ein Sperriemen ans Pferd gehört. Nicht, dass das Pferd das Maul aufmacht und sich den Hilfen entzieht. Es hat zuzuhören, wenn man an den Zügeln zieht!

Reitstunde? Für den faulen Gaul schnallt einem der Reitlehrer erst mal die Sporen an. Sonst geht der ja keinen Meter vorwärts. Wie gut, dass man den Reitlehrer auch ansonsten so gut versteht, er brüllt schließlich die ganze Zeit. Man hat zwar keine Ahnung, was „halbe Paraden“ oder „ganze Paraden“ unterscheidet, aber besser nicht fragen. Sonst steht man am Ende als Unwissender dar. Und irgendwie lässt sich der Gaul trotz dem empfohlenen Riegeln an den Zügeln und festem Treiben mit den Schenkeln und Absätzen nicht an die Hand stellen. Oh, und jetzt kommt noch Frau Dressursuperstar mit ihrem „bewegungsfreudigen“ Warmblut in die Halle – schnell den Hufschlag frei machen und möglichst unauffällig schauen, damit man sich keinen Anschiss (für was auch immer) einhandelt.
Ins Fitnessstudio muss man nicht – dafür hat man ja das Reiten. Das macht Oberarmmuskeln wie Arnold Schwarzenegger und einen Knieschluss wie ein Motorradfahrer.

Pferd geht durch? Ordentlich mit beiden Händen in die Zügel hängen, und wenn der Gaul steht, ihm erst mal zeigen, wer der Boss ist – so kann man schließlich nicht mit seinem Reiter umgehen! Überhaupt: Durchsetzen ist die Devise! Hier lässt sich niemand von einem Pferd auf der Nase herumtanzen!

Longieren? Klar, mindestens drei Mal die Woche, im Winter deutlich häufiger, da die Gäule bei der Kälte ja gern mal durchgehen und mehr Energie haben. Die läuft man an der Longe schön ab. Stundenlang im Kreis ist genau die richtige Beschäftigung für ein tumbes Pferdehirn. Selbstverständlich schnallt man dafür noch Ausbinder oder Dreieckszügel rein. Ein Pferd kann seinen Kopf schließlich nur unten halten, wenn man ihn da festbindet.

Springstunde? Äh, muss nicht unbedingt sein, da landen sie nämlich immer im Dreck.

Ausreiten? Siehe Springstunde.

Turnier? Siehe Ausreiten. Trotz Beruhigungsmittel für die Pferde.

Koppeln? Ach was, ein anständiges Dressurpferd gehört in den Stall. Mit Gamaschen. Nicht, dass es sich die Knie blau schlägt. Außerdem kann der mit frischer Luft eh nix anfangen und holt sich am Ende eine Erkältung.

Vorbilder? Der Reitlehrer (samt harter Hand) natürlich. Und jene Springreiterin, die von ihren Eltern immer einen neuen Gaul unter den Hintern gesetzt bekommen hat, wenn sie den alten Mal wieder nachhaltig platt geritten hat. Und die trotzdem nie über L-Höhe rausgekommen ist. Und Isabell Werth.

Sorry, Leute – aber da will ich nicht mehr hin.

Dann lieber eine Flut von selbsternannten Experten online und im wahren Leben. Es steht uns frei, ihnen zuzuhören oder sie zu ignorieren. Wir haben die Wahl. Unsere Pferde haben die nicht. Die sind darauf angewiesen, dass wir sie gut behandeln – und das setzt Wissen voraus. Wissen, das früher nicht so leicht zugänglich war wie heute. Wissen, das früher nicht vorhanden war oder schlicht ignoriert wurde – zugunsten von Tradition.
Heute haben wir es. Also lasst es uns auch anwenden!

2 Kommentare

  1. Super auf den Punkt gebracht 😀

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